Spiel mir
das Lego vom Tod

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Man muss schon sagen: Im Umgang mit dem Tod sind uns die Ösis um einige Sensenlängen voraus. Im Online-Shop des zum Wiener Zentralfriedhof gehörigen Bestattungsmuseums gibt es sehr lustige Dinge. Ein T-Shirt mit Aufdruck „Der letzte Wagen ist immer ein Kombi“, Produktinfo: „Ein schwarzes T-Shirt und schwarzer Humor ergeben die perfekte Symbiose.“ Auch hübsch: das Zigarettenetui „Rauchen sichert Arbeitsplätze“, Friedhofshonig, Totenkopfnudeln oder der USB-Stick in Sargform. Die neueste Produktrange toppt diese Pretiosen allerdings noch. Es handelt sich um einen Krematoriumsofen, einen Friedhof, eine Leichenkutsche und eine Trauerfamilie samt zweier Untoter und Skelett aus LEGO. „Die Vermittlung der Geschichte der Wiener Trauer- und Beisetzungskultur hat ein neues Level erreicht.“, meldete das Stadtportal vienna.at dazu vorgestern nicht ohne Stolz.

Es lebe der Tod

„Wir schaffen mit diesen Produkten die Möglichkeit, das Thema Tod begreifbar zu vermitteln. Im Vorfeld stand dabei die Frage: Wie kann Kindern bei der Bewältigung von psychischen Ausnahmesituationen geholfen werden? Die neuen LEGO-Produkte erleichtern das Gespräch. So kann anhand des Krematoriums spielerisch erklärt werden, was zum Beispiel mit dem geliebten Großvater bei einer Feuerbestattung passiert oder anhand des LEGO-Friedhofes gezeigt werden, wie eine Beisetzung abläuft.” So wird Dr. Markus Pinter, Geschäftsführer der B&F Wien – Bestattung und Friedhöfe GmbH, auf vienna.at anläßlich des Pressetermins zur Einführung der neuen LEGO-Produkte zitiert.

Fotos in der Galerie: Harald Lachner

Doch warum wird die mangelnde Bereitschaft, sich mit der einzigen wirklich verlässlichen Größe des Lebens auseinanderzusetzen, eigentlich immer nur an Kindern festgemacht? Nach dem Motto „Verdrängung ist, was uns über Wasser hält“ agieren auch die meisten Erwachsenen, wenn es um den Tod geht. Wir schieben das Thema in der Regel so lange vor uns her, bis eine uns nahe stehende Person stirbt oder wir schließlich selbst umkippen. Es gibt Philosophen, die die These vertreten, dass unsere Todesangst ein wesentlicher Motor unseres Konsumverhaltens und damit des Kapitalismus ist. Shoppen statt Sterben? Vielleicht ist da was dran. Neue Dinge halten uns und die, die sie produzieren, in Bewegung, sie wollen schließlich gezeigt und bezahlt werden. Und Konsum lenkt ab. Auch wenn das alles hier sehr verkürzt abgehandelt ist, kann man doch davon ausgehen, dass Angst eine schlechte Beraterin ist, auch dann, wenn sie unterschwellig mitläuft. Fragt sich natürlich, ob ein bisschen LEGO da Abhilfe schaffen kann. Zunächst einmal holen die detailverliebten Produkte das Thema ein Stück mehr rein ins Leben. Die fesche Latzhose des Kremateurs, – ja, ich musste eben googeln, ob das tatsächlich die gängige Berufsbezeichnung ist (sie ist es) – die XXS-Plastikurne, die transparenten, vom Ofendach hängenden LEGO-Flammen und die grinsenden Untoten, das ist schon alles sehr leiwand, also toll und lässig. Wenn auch weniger für die, die gerade einen Trauerfall zu beklagen haben. Aber die sind sowieso todtraurig. Und der Verlust eines geliebten Menschen muss eben tief durchgetaucht werden, um zu heilen, wie die großartige Wiener Schauspielerin und Autorin Erika Pluhar es kürzlich im Gespräch mit Bettina Rust formulierte.

It’s the end, my only friend

Und warum gehört dieses Thema nun auf eine Seite, die das Geschäft des Content Marketing zum Gegenstand hat? Weil Bestatter eben auch Kunden von uns sein können. Und Marketing rund um ein Thema zu machen, von dem die meisten von uns am liebsten nichts hören möchten, gehört ganz sicher zur Königsdisziplin unserer Branche. Der Berliner Bestatter Eric Wrede zeigt im Alleingang, wie der Tod aus der Angstzone zu holen ist. lebensnah Bestattungen heißt sein Berliner Unternehmen passenderweise. Mit „The End“ betreibt er einen Podcast, für den er mit Künstlern wie Judith Holofernes über den Tod spricht. Mit gleichnamigem Buch ist er zurzeit auf Lesereise in Deutschland und in Talkshows unterwegs. Und er ist Teil der Kampagne von „Das Handwerk“.

Wrede selbst, ehemals Musik-Manager und tätowierter Mitte-Hipster, sieht jedenfalls nicht aus wie seine Kollegen aus dem echten Leben, sondern eher wie einer der witzigen LEGO-Bestatter mit rasantem Scheitel und rotem Mund. Im Kampagnenfilm lässt er knallrote Ballons aus einem Sarg fliegen und sagt: „Meine Arbeit kreist um Liebe. Denn nur wo Liebe war, entsteht überhaupt Trauer. Und das ist das Schönste, was ich in meiner Laufbahn als Bestatter verstehen durfte.“ Daran lässt sich inhaltlich doch durchaus anknüpfen.

Content Marketing für Bestatter

60 Sekunden Zusammenfassung

Content Marketing für Bestatter – kann das funktionieren? Der Wiener Zentralfriedhof versucht es mit schwarzem Humor und Pädagogik, der Berliner Bestatter Eric Wrede mit bewusstem Regelbruch, einem Podcast und einem Buch. Im Artikel wird die Einführung von Lego-Produkten rund ums Thema Tod und Bestattung zum Anlass genommen, um darüber nachzudenken, wie Merchandising und Marketing zu einem Thema aussehen kann, von dem die meisten Menschen ihr Leben lang nichts wissen möchten.