OMR Festival 2019 – ein Resümee

Keine Zeit? - Kurze Version lesen

Eigentlich ist das OMR Festival ja ein HARTZ-4-Event des Online Marketings – diese provokante These stellte eine Bekannte auf, die bereits ein Alter Hase in Sachen Content Marketing ist. Das Argument: der Preis. Und tatsächlich, im Vergleich zu Veranstaltungen wie der CMCX, die mal locker bis zu 1.000 Euro für die Tickets verlangen, ist das OMR Festival eine Billigveranstaltung. Das merkt man dann auch leider deutlich am Publikum.

 

Das OMR Festival als Event fuer Digital Natives
© JULIAN HUKE

Marketers im Selfie-Wahn

52.000 Besucher schoben sich beim OMR 19 durch die Hamburger Messehallen. Doch was das größtenteils sehr junge Publikum lockte, waren offenbar nicht die 600 Speaker, die über 400 Aussteller oder die 170 Masterclasses. Es waren die Selfies. Wo man auch hinschaute wurden Insta-Stories gedreht oder Beweisfotos geschossen und selbstverständlich sofort gepostet. Denen haftet der Charme von Toilettenschmierereien à la „Ich war hier“ an und man fragt sich, ob Selbstvermarktung wirklich so funktioniert. Denn zu nichts anderem schienen die Massen gekommen zu sein. Vielleicht war das aber auch etwas dem Festival selbst geschuldet. Das große Learning: Wir sind alle Rockstars und alles mega-geil! Um es mit dem Wording eines Kindes der 90er zu sagen…

 

 

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Mini- bis Maxi-Influencer-Marketing und alles dazwischen

Zu einem der bekanntesten Speaker gehörte Ex-GNTM-Gewinnerin Lena Gercke. Sie referierte zusammen mit Bonnie Strange über das allseits beliebte Influencer Marketing. Dem wird schon länger nachgesagt, seine Authentizität verloren zu haben, doch das schien niemandem etwas auszumachen. Wieder wurden die Handys gezückt. Ich war hier, mit Lena und Bonnie … Die schienen wie das Auditorium die Selbstvermarktung verinnerlicht zu haben. Statt neuen Insights bekam man als Zuhörer nur Altbekanntes lauwarm aufgewärmt serviert. Star-Talk at its best! Und irgendwie wundert man sich, dass TV-Sternchen, die so bereits eine gute Basis an Followern generieren konnten, darüber sprechen, wie man sich als Influencer von ganz unten hocharbeitet. Naja, es gab ja noch die Masterclasses.

Lena Gercke als Speaker beim OMR Festival 2019
© JULIAN HUKE

Kanalwechsel bei den OMR Masterclasses

Das Interesse an den Masterclasses des OMR Festivals war natürlich riesig. Hier sollte das eigene Content Marketing in Form von Selfies und Co. also endlich pausieren – leider falsch gedacht. Die Smartphones blieben die ganze Zeit in der Händen. Geschäftig und mega-geil, wie man als Rockstar nun mal ist, wurden fleißig Mails gecheckt, Festival-Verabredungen über WhatsApp arrangiert oder die Instagram-Accounts der anderen Rockstars ausspioniert. Ganz nebenbei machte manch einer noch ein Alibi-Foto der ein oder anderen Slide.

 

 

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Bei den Vorträgen auf den großen Bühnen telefonierte man oder unterhielt sich lautstark mit dem Gegenüber. Irgendwie respektlose dem Speaker gegenüber, aber Rockstars sind ja bekanntlich Rebellen. Das wurde noch deutlicher, wenn man hier und da bemerkte, dass der Sitznachbar an seinem Empfänger den Kanal wechselte, um mal zu hören, was die Referenten in den benachbarten Tracks so von sich geben. (Für Nichtanwesende: Statt die Vorträge über Lautsprecher laufen zu lassen, wurden in vielen Tracks Kopfhörer verteilt, was die Lautstärke in der Masterclass-Halle auf ein entspanntes Geraune reduzierte. Eine wirklich tolle Idee der Veranstalter, so viel Lob muss sein.)

 

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Major Learning Umdenken – eine Utopie in 170 Akten

Obwohl das Angebot wirklich gut war, ließen die Masterclasses des OMR Festivals die wirklich interessierten Zuhörer (Ja, die gab es zwischen all den Mobile-Addicts auch.) etwas enttäuscht zurück. Es wurde viel von Umdenken gesprochen, von User Experience, von der Notwendigkeit einer neuen, ganzheitlichen Customer Journey. Jede Menge innovativer Konzepte wurden präsentiert, aber leider schwang fast immer auch der Selbstvermarktungscharakter mit. Man hatte irgendwie das Gefühl, in eine Werbeveranstaltung der jeweiligen Company geraten zu sein. Auch hier lag der Fokus mehr auf dem „Wir sind Rockstars und mega-geil“-Spirit als darauf, seine Learnings mit den Kollegen zu teilen. User Experience? Umdenken? Fehlanzeige!

Influencer Marketing war auf dem OMR 19 auch Thema
© Ronny Barthel

Rummelplatz OMR 19

Zwischen den Masterclasses und Vorträgen konnte sich die OMR Gemeinde mit den diversen Ausstellern befassen und die gaben sich alle Mühe, aus der Masse hervorzustechen. Vom Schaukelkreis über ein Bällebad bis hin zu einer Reise ins Online Marketing der 90er Jahre fuhren Red Bull, Adobe und wie sie alle heißen mächtig auf. Hier war sie dann endlich, die User Experience für die Marketers und ihre Smartphone-Manie.

 

 

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Auch die zahlreichen Zerstreuungen auf den Außenflächen der Messe waren überlaufen. Man fühlte sich wie auf einem Rummelplatz. Zwar ohne Fahrgeschäfte, dafür aber mit jeder Menge Food Trucks, einer Schießbude und Kleinkünstlern die Seifenblasen zauberten oder ein Shanty Chor, der von den Digital Natives gefeiert wurde. Alles in allem muss man den Organisatoren ein Kompliment aussprechen, denn sie haben ein echtes Festival auf die Beine gestellt, auf dem sich die Branche selbst als Rockstars inszenieren konnte und das war es ja letztlich auch, was eingefordert wurde. Von diesem Gesichtspunkt also alles richtig gemacht.

 

 

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Kommen wir zur Anfangsthese zurück: OMR Festival = Billigveranstaltung. Stimmt so nicht, denn bis auf die Tickets war hier nichts billig – aus Organisatorensicht. Will man es böse formulieren, könnte man die Selbstinszenierung der Marketers aber durchaus als billig beschreiben. Hier liegt wohl das eigentliche Manko der Veranstaltung, die es ansonsten absolut versteht, das Gros des Publikums begeistert zurückzulassen. Oder um es in Marketing-Sprech auszudrücken: User Intent erkannt und bedient.

60 Sekunden Zusammenfassung

Das OMR Festival hat mit 52.000 Besuchern seinen eigenen Rekord geknackt. Aber kann es mit anderen Branchen-Events tatsächlich mithalten? Billigveranstaltung lautet der Vorwurf. Zwar kann an der Organisation und Ausstattung nur wenig kritisiert werden, allerdings zeichnet sich das Publikum eher durch Desinteresse und Selbstinszenierung aus. Das Ganze hat den Charme einer großen Werbeveranstaltung, doch die Macher haben den User Intent erkannt und bedienen den Wunsch nach Rockstar-Spirit.