Die besten Anti-Awards in Medien und Marketing

Diese Woche wurde die Verleihung von zwei Awards in der Medienbranche annonciert, die niemand gewinnen wollen kann: Zunächst die „Goldene Kartoffel“, offensichtlich die noch unterirdischere Spielart der klassischen „Goldenen Zitrone“, an BILD-Chefredakteur Julian Reichelt. Zu seinem 10-Jährigen ersann der Verein Neue deutsche Medienmacher (Claim: „Guter Journalismus ist immer vielfältig.“) den Preis, der sicher mehr Aufmerksamkeit bringt, als eine, gähn, PR-Jubiläumsmeldung. Aufgegabelt wird mit dem Preis schwerst kartoffelig-rückständige Berichterstattung rund ums Thema Migration. Oder mit den Worten aus der NdM-Pressemitteilung: für besonders einseitige oder missratene, kurz: für unterirdische Berichterstattung über Aspekte unserer vielfältigen Einwanderungsgesellschaft.

Paradedisziplin Rückwärtsrolle

Dass ein tendenziöser bis diskriminierender Unterstrom Springers Flaggschiff auf Kurs hält, mit gern genommenen Ausschlägen ins Spektakelhafte, ist ja eigentlich die Kernkompetenz der Medienmarke BILD. Kann also nicht überraschen.

Julian Reichelts Vorgänger, Kai Dieckmann, hätte es sich wahrscheinlich nicht nehmen lassen, die Trophäe, die am 3. November im Rahmen der Bundeskonferenz der Neuen deutschen Medienmacher in Berlin verliehen werden soll, persönlich entgegenzunehmen. Reichelt hat noch nichts über seine diesbezüglichen Pläne verlauten lassen.

Höllisches Triple

Nummer zwei der Negativ-Awards dieser Woche ist der Höllepreis vom Berufsverband freier Journalistinnen und Journalisten, Freischreiber. Die Nominierungen für die fiesesten Player der Branche gingen diese Woche raus. Es sind die Süddeutsche – bereits Preisträger des letzten Jahres – der WDR und die neue Zürcher Zeitung. Fies sind für die Freischreiber jene Medienschaffende, die gegen den Code of Fairness verstoßen: Die, die Freie schlecht bezahlen, schlecht briefen, schlecht behandeln, zu PR auffordern, Zweitnutzungen nicht vergüten, Themenideen klauen und mehr. Überaus nachvollziehbare Kriterien also. Auch der Höllenpreis, zu dem übrigens mit vier Nominierten auch die Fairplay-Variante Himmelspreis gehört, wird ebenfalls in Berlin verliehen – am 17. November. Auch hier darf bezweifelt werden, ob die Nominierten erscheinen. Ihre Teufelstrophäe konnten die Freischreiber im letzten Jahr jedenfalls nicht persönlich übergeben. Sie hatten sie am Empfang der Süddeutschen zu parken.

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Ein Hoden für Bad Soden

Wer einen Award verleiht, macht natürlich immer Marketing in eigener Sache. NdM und Freischreiber fundieren mit den ausgelobten Preisen ihre Kompetenz in Sachen medialer Rechtschaffenheit. Dafür stehen sie schließlich ein. Wenn Marketer Marketing mit Awards machen, wird diese Schraube noch eine Umdrehung fester angezogen. Das sagte sich wohl auch der Saftladen True Fruits und hob 2017 den „Eier aus Stahl“ Award aus der Taufe. Gründer Marco Knauf ließ eigens seine Hoden in Stahl gießen, um eine lebensnahe Optik der Trophäe zu garantieren, festgehalten in einem Making Of-Video.

 

 

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Was das mit der Herstellung und dem Vertrieb gesunder Fruchtsäfte zutun hat? Nun, True Fruits will dem Guten, Braven und Gesunden das Dröge, allzu Protestantische nehmen, es, ja, sexy machen. Lustige Claims raushauen, Eier zeigen. Deshalb mag man eben Unternehmen, die ähnlich ticken. Erster Preisträger war dann auch Trinkwassersprudler-Fabrikant Sodastream, weil das Unternehmen sich mit seiner Kampagne „Shame or Glory“ im Kampf gegen die Plastiklobby hervorgetan habe. Ein weiterer, nicht unwesentlicher Grund dürfte gewesen sein, dass Sodastream in Bad Soden ansässig ist und deshalb zur Verleihung die schöne Zeile „Ein Hoden für Bad Soden“ getextet werden konnte.

Am Ende ist es eben doch Marketing.