Respekt, Philipp Westermeyer

Weltweit werden Milliarden mit Onlinewerbung  erwirtschaftet. Allein für Deutschland prognostiziert PricewaterhouseCoopers für 2019 einen Umsatz von knapp 8,5 Milliarden Euro in diesem Segment. Grund genug, die Mechanismen der Branche zu beleuchten. Das passiert auf den Online Marketing Rockstars (OMR), einer der weltweit größten Veranstaltungen für digitales Marketing und Technologie. Sie findet seit acht Jahren in Hamburg statt, Gründer und Kopf des Festivals ist Philipp Westermeyer.

#1827: Philipp, deine Kollegin Sarah schlug schon während der Planung dieses Interviews vor, dass wir uns duzen. Warum ist Duzen besser als Siezen?

Philipp  Westermeyer:  Duzen ist authentischer, näher, unkomplizierter und deshalb besser. Es ist demokratischer auf eine gewisse Art, man muss sich keine Gedanken darüber machen, wen man jetzt siezen sollte und wen nicht.

#1827: Schlips und Sakko sind vor allem im Business für viele noch immer die klassischen Zeichen der Respektbekundung. Du verzichtest darauf. Warum?

Das größte Zeichen der Respektsbekundung sind nicht Schlips und Sakko. Es ist Aufmerksamkeit. Nach wie vor gilt: Wer bei wem einen Termin bekommt, wer mit wem in Kontakt steht, wem ich Aufmerksamkeit schenke, dem bezeuge ich meine Anerkennung.

 

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#1827: Nach acht Jahren kratzen die OMR mit 52.000 Teilnehmern am Tor zur Weltliga der Businessfestivals. Keine Sorge, dass ihr zu langweiligen Großveranstaltern werdet?

Doch, das ist ein großes Thema für uns. Wir überlegen ständig, wie wir unserer Marke treu bleiben und es trotzdem schaffen, dass das Ganze in die neue Größe passt. Mehr Besucher bedeutet auch mehr Geld, mit dem man krassere Sachen machen kann. Wichtig ist, nicht zu geizig zu werden und das Ganze nicht so knallhart durchzukalkulieren, wie es andere machen. Wir fühlen uns verpflichtet, auf andere Art so zu bleiben, wie wir schon immer waren. Das heißt eben nicht, dass wir eine Konzernstruktur bekommen und Profitabilität abmelken müssen. In anderen Bereichen heißt Größe vielleicht an die Börse oder in Private-Equity-Händen zu gehen. Das bedeutet sehr viel Profit und sehr wenig Fun. Das wird bei uns nicht der Fall sein, wir wollen die Größe kreativ nutzen.

#1827: Begegnen Dir Leute durch Deinen Erfolg respektvoller als früher, beispielsweise wenn Du Sprecher anfragst?

Wir werden insgesamt bei OMR ernster genommen, weil wir größer geworden sind und den Leuten mehr anbieten können.  Das ist ja auch normal. Ich bin nicht sicher, ob „Respekt“ dafür die richtige Vokabel ist. Mir geht  es selbst ja auch so: Wenn ich für Etwas angefragt werde, was sehr aufmerksamkeitsstark oder prestigeträchtig ist, dann bin ich anders alarmiert, als wenn ich mal wieder für eine kleinere Konferenz angefragt werde. Dann freut man sich trotzdem, ist aber nicht ganz so aufgeladen.

#1827: Und andersrum: Flößt Dir Erfolg Respekt ein?

Kommt ganz darauf an, mit was die Leute Erfolg haben. Ich habe kürzlich den besten Dartspieler der Welt getroffen.  Den fand ich sehr nett, aber ich hatte keinen besonders großen Respekt, weil ich gar nicht weiß, wie schwer es ist, Dart zu spielen. Wenn ich dagegen jemanden treffe, der eine nachhaltige Leistung erbracht hat, die ich sehr gut ermessen kann, dann flößt mir das Respekt ein. Ich habe grundsätzlich vor jedem Respekt, das ist ja das allerwichtigste. Aber besonderen Respekt eben dann, wenn ich das gut greifen kann, was die da machen. Wenn ich dagegen im Social- Media-Bereich sehe, dass etwas nicht lang angelegt oder stark von Glück getrieben ist, dann flößt mir das nicht mehr Respekt ein als ich ohnehin vor der Person hätte.

#1827: Wie wichtig ist eigentlich Deine Person für die Marke OMR? Immerhin ist dort sogar Philipp- Westermeyer-Bier mit Deinem Konterfei auf der Flasche zu haben. Ich glaube, bei Medienmarken stehen die Macher immer auch für die Marke. Wenn man mal in die höchste Liga greift, dann war das mit Rudolf Augstein für den Spiegel so, für Thomas Gottschalk mit „Wetten, dass …?“, für Henri Nannen mit dem Stern oder für Michael Arrington mit TechCrunch. Auch bei uns fragt man sich: Wer ist denn der Typ, der die Fäden zusammenhält? Das sind  mittler-weile mehrere Menschen, aber ich war eben der erste. Ich versuche aus unternehmerischem Kalkül heraus nicht zu wichtig zu werden, das immer besser zu dezentralisieren. Mein Gesicht auf der Bierflasche, das war  auch der Wunsch unseres Partners, einer Brauerei.  Solche Anfragen gibt es immer wieder. Personen werden eben in den modernen Medienmärkten immer wichtiger. Ich hoste unseren Podcast, das ist eine sehr individuelle Sache. Mir ist aber bewusst, dass das nur eine Chance ist und der Wert liegt darin, das clever zu reduzieren.

#1827: Ihr habt die wichtigsten Inspiratoren der Szene auf der Kongressbühne gehabt –

Buzzfeed-Gründer Jonah Peretti, Marketing-Professor Scott Galloway, Nasty-Gal-Gründerin Sophia  Amoruso und Special Guests wie Metallica-Drummer Lars Ulrich. Wer hat Dich besonders beeindruckt? Jonah Peretti habe ich mich sehr nahe gefühlt, weil der erkennbar seit Jahren Medienmarken aufbaut und Medien digital sehr intelligent verzahnt. Das fand ich super, so würde ich gerne auch sein. Der hat ja schon angefangen mit Huffington Post und Buzz-feed und macht immer wieder neue Sachen an der Schnittstelle zwischen Medien und Digitalisierung. Er ist auch nur wenige Jahre älter als ich und ich habe mich ihm vom Typ her verbunden gefühlt. Sehr beeindruckend ist sicherlich Scott Galloway. Die Art, wie er die Welt sieht, wie er seine Themen platziert, wie er vortragen und analysieren kann – das finde ich sehr substanziell. Den verfolge ich sehr eng. Für mich sind die inspirierendsten Menschen die, denen ich inhaltlich näher bin. Den Metallica-Drummer Lars Ullrich fand ich interessant und cool. Aber ich habe noch nie eine Metal-Band aufgebaut und kann den Erfolg deshalb nicht genau genug ein-schätzen.

#1827: Und was hat Dir an den letzten Online Marketing Rockstars im Mai 2019 am besten gefallen?

Ich kann nicht eine Sache rausgreifen. Ich erlebe das Event ja nicht als klassischer Besucher, daher habe ich sicher andere Sorgen und Gedanken. Für mich ist das Beste, wenn man erkennen kann, dass Besucher und  Partner zu ganz großen Teilen zufrieden waren mit ihrer Entscheidung, zu den Online Marketing Rockstars zu kommen.

#1827: Thjnk-Gründer Michael Trautmann hat gesagt, bei den OMR hätte er erlebt, dass Konferenzen Spaß machen können. Was macht ihr anders als die anderen?

In der Digitalbranche, in der Medien- und Marketingwelt gibt es sehr familiäre Strukturen. Kollegen sind beispielsweise miteinander befreundet, man unterhält sich per WhatsApp nicht nur über Businessthemen. Diese Vermischung von Professionellem und Privatem bilden wir als Event auch ab. Es gibt einen fließenden Übergang vom Businesstalk zu den Konzerten. Du kannst bei uns mit dem Dozenten einer Masterclass feiern gehen oder du triffst deinen Dienstleister oder Kunden abends auf der Party. Das ist nicht das, wofür wir ausschließlich stehen. Aber die Komponente „Arbeitszeit ist auch Lebenszeit“ ist schon wichtig bei uns.

#1827: Hat die Attraktivität der OMR auch was mit Respektlosigkeit, mit Rebellentum zutun? Schließlich tragt ihr die Rockstars im Namen. Und die sind ja keine, wenn sie nicht mal das eine oder andere Hotelzimmer zerlegen oder eine Gitarre anzünden.

Wir sind nicht respektlos, das wäre falsch. Wir machen Sachen anders als der Markt es vielleicht vor-gibt und versuchen unsere Besucher zu überraschen. Das ist häufig ein Bruch mit Konventionen oder Erwartungen. Das finde ich angemessen und das folgt auch einer gewissen Businesslogik. Das ist eine Weiterentwicklung von Dingen, was ja nicht heißt, dass man nicht schätzt, wie es früher war. Uns interessieren neue Technologien. Uns lockt das Neue und nicht der Bruch mit etwas Altem.

#1827: Gute Sprecher treten den Giganten der Digitalbranche gerne mal ans Schienbein. Scott Galloway hat im letzten Jahr auf Eurer Bühne gleich mehrere gehypete Technologien in drei Sätzen erledigt: „Chatbots werden überbewertet, Virtual Reality (VR) ist eine Enttäuschung und 3D-Druck ist lächerlich. Die USA haben längst ihren eigenen 3D-Drucker. Er heißt China.“ Geht’s nicht auch etwas leiser?

So ist halt Scott Galloway. Er polarisiert. Und man muss einfach auch anerkennen: Er  hat  in vielen Dingen recht. Ich bin auch kein Freund von 3D-Druckern und Chatbots. Ich lasse mich leicht von ihm anstiften und habe selbst auch schon oft gedacht, dass in unserer Branche viele Säue durchs Dorf getrieben werden. Und er zeigt eben auf ein paar und sagt, das ist auf jeden Fall mal Quatsch. Das teile ich häufig und finde es super. Es ist auch unsere Aufgabe zu zeigen – ohne respektlos zu sein – dass wir an bestimmte Sachen nicht glauben.

 

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#1827: Was hast Du von den OMR 2019  gelernt und was würdest Du beim nächsten Mal anders machen?Allein die Frage, wie man in nur zwölf  Monaten wieder ein so komplexes Gesamtwerk wie die OMR abliefert, ist für uns schon Herausforderung genug. Darüber hinaus machen wir uns viele Gedanken über Details, darunter ist aber nichts, was zentral ist.

#1827: In Deiner OMR-Keynote fasst Du jedes Jahr die aktuellen Tendenzen im Online Marketing zusammen. Was ist für 2019 besonders wichtig?

Wir sehen einen Boom an Unternehmensfinanzierungen auf sehr hohem Niveau. In Deutschland sind wahnsinnig viele neue Uni-corns entstanden, Unternehmen, die mehr als 100 Millionen an Venture Capital bekommen haben. Es gibt so eine Art Goldenen Herbst der deutschen Digitalszene. Das ist ein ganz neuer Aspekt, den vielleicht viele gar nicht so mitbekommen.

#1827: Einer Deiner Ratschläge für deutsche Digitalunternehmer ist ein Besuch im Silicon Valley. Was kann man in der südlichen San Francisco Bay Area lernen?

Was man im Silicon Valley lernen kann, aber deswegen muss man dort nicht unbedingt hinfahren, ist, dass die direkten Beziehungen zum Kunden das A und O sind. Das machen die Firmen dort sehr clever. Ein AirBnB hat nicht viele Assets aber sie haben den direkten Kundenzugang.

 

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#1827: Kannst Du in fünf Sätzen zusammenfassen, worauf Unternehmer setzen sollten, wenn sie digital im Spiel bleiben wollen?

Man muss sich fragen: Kontrolliere ich meinen Kundenzugang, dauerhaft? Das ist entscheidend in der digitalen Welt. Natürlich sind da zahllose Details zu ergänzen, beispielsweise die Frage nach der Plattformstrategie, aber die Kernfrage ist, wie ich meine Kunden erreiche und mit ihnen in Kontakt bleibe.

#1827: Und welche Technologie und welches Unternehmen sollten wir im Blick behalten? Bleiben Voice  Services das Ding der Zukunft? Schwierig. Ich bin sicher, dass Amazon weiter auf einem sehr guten Weg ist, was auch für  Facebook gilt. Und gerade Amazon pusht das Thema Voice sehr stark und wenn man davon ausgeht, dass das eines der nachhaltigen Themen sein wird, dann ist  Amazon dafür sehr gut aufgestellt. Da arbeiten aktuell etwa 10.000 Menschen an Alexa-Technologien.

#1827: Last but not least: Warum bleibt Ihr mit den OMR Hamburg treu?

Die Messehallen sind mitten in der Stadt, wir haben hier sehr gute Beziehungen. Außerdem sind wir Fans von Hamburg. Die Stadt ist ein Teil von uns. Ist das jetzt eine Garantie, dass wir hier die nächsten 20 Jahre bleiben? Keine Ahnung. Wenn man sich die statistischen Wahrscheinlichkeiten anschaut, weiß man ja nicht einmal, ob man  in zehn Jahren noch mit seiner Frau zusammen sein wird. Okay, wir sind nicht verheiratet. Aber immer noch in Hamburg verliebt.

KURZ UND KNAPP: PHILIPP WESTERMEYERS VITA

40, dreifacher Vater, Initiator der „Online Marketing Rockstars“, kurz OMR. Gestartet 2011 als Event mit 150 Besuchern sind die OMR heute ein Festival-Kongress mit zuletzt 52.000 Gästen. Die OMR – Ramp 106 GmbH betreibt außerdem die größte Wissens- und Inspirations-Plattform für die Digital- und Marketingszene in Europa und beschäftigt in Hamburg 80 Mitarbeiter. Westermeyer hat mit seinen Partnern Christian Müller und Tobias Schlottke mehrere Companies im Bereich Online Marketing und Adtech aufgebaut und verkauft. Das Banner-Netzwerk adyard wurde 2011 von Gruner + Jahr übernommen, die Real Time Advertising Plattform metrigo 2015 von Zalando.