Kommunikationskongress 2018: die Rezension

Ist schon merkwürdig, wenn man den Kommunikationskongress 2018 (#KK18) besucht und die bewegendsten Redner dort alle anderen sind, bloß nicht diejenigen, die Kommunikation als Job betreiben. Wir sind zu dritt angereist und haben uns einen Großteil der Panels, Workshops und Keynotes angeschaut. Zum Liveticker des Kongresses geht’s hier lang.

Gefesselt waren wir – wie viele der anderen Teilnehmer – von Franziska Giffey, Ministerin, Prof. Dr. Peter Vajkoczy, Neurochirurg, Harald Welzer, Soziologe, Janina Mütze, Co-Founder & COO von Civey, Dr. Sophie Chung, Gründerin von Qunomedia, Raphael Fellmer, Gründer und CEO von SirPlus oder von Holger Weiss, der German Autolabs gegründet hat. Sie alle sprachen sehr konkret in der Sache, leidenschaftlich und manchmal auch emotional, ohne auf überstrapazierte Worthülsen (proaktiv, Augenhöhe, Diversity etc.) zurückzugreifen. Es war beflügelnd, ihnen zuzuhören.

 

Die Pressesprecher und Kommunikationsbeauftragten, ihr Berufsverband (der Bund deutscher Pressesprecher, BdP) ist der Initiator des Kongresses, blieben allesamt blass. Allen voran die BdP-Präsidentin Regine Kreitz. Sie moderierte den #KK18 gemeinsam mit Hajo Schumacher, wirkte dabei aber stets verdruckst und unfrei, so als habe sie jemand gegen ihren Willen verdonnert, als Gastgeberin zu fungieren. Das wirkte besonders irritierend, weil das Motto des Kongresses „Mut“ lautete.

Woran kann das liegen?

Schauen wir uns einmal ein Statement an, das Regine Kreitz in einem Interview mit dem Verbandsorgan „Der Pressesprecher“ direkt nach ihrer Wahl als BdP-Präsidentin vor einem Jahr abgab:

Pressesprecher: Was wollen Sie als BdP-Präsidentin jungen Kommunikatoren mit auf den Weg geben?

Regine Kreitz: Unser Verband funktioniert als Netzwerk, wo man von Kompetenz und Know-how anderer leicht profitieren kann. Er lebt davon, dass seine Mitglieder aktiv werden können. Mein Präsidiumsteam und mich sehe ich in der Verantwortung, zu ermöglichen, dass das gelebt werden kann. Umso bedeutsamer sind starke Landes- und Fachgruppen, wie es sie bereits gibt. Sie garantieren zum einen den regionalen und zum anderen den Branchen-Bezug. Neu im BdP sind die sogenannten Kompetenzgruppen. Mit ihrer Hilfe reflektieren wir die Ausdifferenzierung unseres Berufs. Zur Kompetenzgruppe Interne Kommunikation kommt ab demnächst die Kompetenzgruppe Digitale Kommunikation. Das Interesse daran ist riesengroß.

Landesgruppen, Fachgruppen, Kompetenzgruppen. Sind das Argumente, die den Nachwuchs ermutigen, souverän, offen und ja, ehrlich, in einem immer komplexer werdenden Kommunikationsgefüge zu agieren? Pressesprecher sollten lernen, Dispute nicht unter einer bürokratischen Auflistung von Formalia und Regeln zu begraben. Sondern sich Argumenten und Diskussionen zu stellen. Auf dem Kommunikationskongress 2018 war viel von Haltung in der Unternehmenskommunikation die Rede. Wie ist diese Haltung durchzusetzen, wenn die BdP-Präsidentin auf die neuen Herausforderungen der digitalen Kommunikation – in erster Linie sind das gut vernetzte Konsumenten, die schnell Öffentlichkeit für ihre wie auch immer gearteten Anliegen mobilisieren können – wie oben zitiert reagiert?

Pressesprecher sind dazu verpflichtet, ihr Unternehmen, den jeweiligen Politiker, ihren Verein gut dastehen zu lassen, oft vielleicht sogar besser, als er, sie oder es ist. Wenn etwas schief läuft, müssen sie nicht selten herumeiern, Zeit gewinnen. Oder eben für eine transparente, offene Kommunikation auch bei Fehlern und Pleiten kämpfen. Das ist der Punkt, an dem ihr Job Mut erfordert. Vielleicht wird dieser Kampf einfach zu selten geführt? Vielleicht hat die Praxis des Abschleifens klarer Statements, des Verpackens im Allgemeinen und Formalen die Wirkung dieses Berufsstandes so schwach werden lassen? Oder liegt es einfach an der Tatsache, dass sie über die Macher eben immer nur zu reden haben und selbst kaum produktiv sein können? Vielleicht wäre es keine schlechte Idee, die Leute immer mal wieder in die Fabrikhallen, die Service-Center oder aufs Feld zu stellen, damit sie am Ende des Tages nicht nur viel geredet, sondern auch mal wieder etwas selbst Produziertes in der Hand haben. Franziska Giffey hat jedenfalls sehr überzeugend davon berichtet, wie sie sich, die „Personenvereinzelungsanlagen“ des Ministeriums hinter sich lassend, regelmäßige Termine draußen auf der Straße erstritten hat.

Kommunikationskongress 2018 Welzer

Harald Welzer hat auf dem #KK18 davon erzählt, wie sehr ihn das Gerede von der verängstigten Gesellschaft in Deutschland nervt: „Wo sind denn unsere großen Probleme? Müssen wir verzweifeln, weil das Paket von Zalando mit einem Tag Verspätung ankommt?“ Um nicht als nörgelnder alter Mann durch die Lande ziehen zu müssten, startete er vor zwei Jahren die „Initiative Offene Gesellschaft“. Gepusht werden sollten damit die positiven Errungenschaften unserer Gesellschaft. Resultat: „Hat keine Sau interessiert“, resümmierte Welzer trocken.

Wer die fünf Akteure im abschließenden Presse Club des Kommunikationskongresses erlebt hat, den wundert das nicht. Die namhaften Journalisten – Julia Bönisch (SZ), Harald Martenstein (Zeit, Tagesspiegel), Jan Schulte-Kellinghaus (rbb) und Ansgar Graw (Welt) – hatten sich unter der Moderation von Hajo Schumacher vorgenommen, das Medienjahr zu rekapitulieren. Und hangelten sich völlig uninspiriert an Pleiten, Pech und Pannen entlang: Özil, das WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft, Erdogan, die gelähmte Bundesregierung, Fake News. Als niemand so recht in Wallung kam, bat Schumacher das Publikum um Themen. Doch ganz gleich, was da gekommen wäre, die Gruppe hätte es in solider Abgehangenheit zerlegt. Gutes, Wildes und Schönes hatte sich in ihren Augen ganz offensichtlich nicht ereignet.

Dabei ist etliches davon auch auf dem Kongress passiert. Man hätte einfach nur aufmerksam zuhören müssen.