Die Erde schwitzt, das Eis schmilzt, der Geck welkt

Gestern lud das Erste mit „Hart aber Fair“ zum Klima-Talk. Die Runde versprach kontrovers zu werden bei einem Thema, das vernünftige Menschen eigentlich nicht mehr wirklich kontrovers diskutieren können. Außer sie heißen Donald Trump. Oder Ulf Poschardt. Der Chefreakteur der Welt-Gruppe war neben der „Fridays for Future“-Aktivistin Luisa Neubauer, Bundesumweltministerin Svenja Schulze, VW-Vorstand Herbert Diess und Moderator Markus Lanz geladen, um medial das zu geben, was er seit 30 Jahren gibt: den hedonistischen, erfrischend quer denkenden Jungspund.

Die lange Hand der Industrie

Poschardt bedient ähnlich wie Jan Fleischhauer vom Spiegel den Archetyp des Rebellen. Lustigerweise steht der 52-Jährige dabei aber nie auf der Seite derjenigen, die Umsturz und Wandel möchten, sondern immer auf der Seite der Eliten, die alles so weiterlaufen lassen wollen wie bisher. Sie wollen schließlich unter sich bleiben. Wie kann der Mann sich dann als Rebell positionieren? Indem er so tut, als seien Klimaschützer diskursbestimmende Freiheitsbeschneider, schmallippige Kinder, die dem Ulf sein Spielzeug – den Porsche, das Steak, den Koi – wegnehmen wollen. Da regt sich der Ulf dann auf und büßt mit dem Alter bedauerlicherweise mächtig an lässiger Coolness ein. Seine Augen verengen sich zu Schlitzen, schmaler als die Klinge eines Hattori Hanzo-Schwertes. Der links neben Poschardt platzierte Diess legte dem Aufgeregten immer wieder begütigend die Hand auf den Arm: Neben Poschardts „Autos müssen Seele haben“-Pathos wirkte die Argumentation des auf E-Mobilität setzenden VW-Chefs souverän ausgleichend. Kein Wunder, dass er armstreichelnd demjenigen Sympathie bekundet, der nicht müde wird, das Auto als Mythos der freien Welt zu feiern und damit den Lautsprecher des Pkw-Kapitalismus gibt. So einen brauchen diejenigen, die weiter im Hintergrund am ungebremsten Inividualverkehr verdienen möchten.

Das AR-15, ein Genussmittel

Wer Umweltschützer ständig als regulationsgeile Spaßbremsen diffamiert, blendet aus, dass wir bereits in einer auf Regeln basierenden Gemeinschaft leben. Herr Poschardt kippt das Bratfett seines Kobe-Steaks nicht über den Balkon und er spaziert auch nicht nackt über den Kudamm. Sich an gemeinsam beschlossene Regeln zu halten, das nennt man Zivilisation oder, auf politischer Ebene, Demokratie. Die verträgt auch jugendliches Rebellentum, zu dem es gehört, ab und zu in die Doc Martens zu pinkeln und die dann zum Trocknen bei 180 KaEmHa in den Fahrtwind zu hängen. Aber Ulf Poschardt ist kein Jugendlicher mehr. Er ist ein alter weißer Mann, der Jugendaktivisten wie Luisa Neubauer „den Tonfall des Lehrkörpers“ vorwirft und sie im nächsten Moment bittet, ihm doch mal genau zu erklären, was es mit dem Klimawandel auf sich hat. Jemand, der nicht verstehen kann, dass junge Menschen andere Genusswerte haben und einer anderen Ästhetik folgen als er selbst. Seine Argumentation gleicht der der us-amerikanischen Waffenlobby: Ich brauche mein AR-15, weil es mir Genuss verschafft, es zu besitzen. Es Teil meiner Identität, mich selbst verteidigen zu können. Doch wo lauern denn die großen Gefahren? Im Lauf des AR-15. Das halbautomatische Sturmgewehr wurde so oft wie kein anderes bei Attentaten in den USA benutzt. Um mehr Sicherheit in den USA zu gewährleisten scheint der logischste Schritt ein Verbot dieser und andrer Schusswaffen zu sein. Wer weniger Unfalltote will, sollte den Individualverkehr reduzieren. Auch dann, wenn er wie Poschardt es nennt „bewusst und genussvoll wie der Verzehr eines Bio-Steaks“ gehandhabt wird. Warum ist diese Strategie so viele Worte wert? Weil sie die derjenigen ist, die überall am Drücker sind und freiwillig nie etwas ändern werden.

Doch es ist schön zu sehen, das der Geck welkt und sein vorgeblicher Charme bei der Jugend nur noch Schulterzucken oder, ja, angeekelte Schauer auslöst.