Corona Kommunikation

Vor sechs Wochen schien den Leuten nichts zu hart zu sein, um sich vor Corona zu schützen. Chili, Ingwer, Zwiebel, Meerrettich, Knoblauch, Kurkuma, Galganpulver und zum Abbinden Apfelessig: Das sind die Zutaten des „Natürlichen Antibiotikasaftes“, dessen Rezept eine Freundin damals in unsere WhatsApp-Gruppe sendete. Mal abgesehen davon, dass Antibiotika nicht gegen Viren helfen: Muss ich mich denn gleich von meiner Magenschleimhaut verabschieden, um vor Covid-19 sicher zu sein? Neben Mirakulix-Trünken grassierten zu Beginn der Krise in den sozialen Medien selbstverständlich jede Menge verschwörungstheoretische Hoaxes. Schuld am Coronavirus sei ein staatliches chinesisches Biowaffen-Labor, 5G-Sendemasten oder – warum denn mal nicht – Bill Gates, der mit der rechtzeitigen Patentierung des passenden Impfstoffes nun abkassieren wolle. Von seriösen Medien wird allerdings berichtet, dass Gates ein Heimtest-Kit finanziert, das von Bewohnern in Seattle verwendet und zum Testen eingeschickt werden kann. Die Initiative verdient Anerkennung für die Lösung eines sehr realen Problems, das die US-amerikanische Regierung bis zu diesem Zeitpunkt nicht in den Griff bekam – das Testen einer großen Anzahl von Menschen in kurzer Zeit. Will sagen: Es ist ganz schön sisyphos, im Staubsaugerbeutel der täglichen Meldungen den Überblick zu behalten. Generelles Medienbashing ist trotzdem unangebracht, denn wie bemerkte ein Freund kürzlich ganz richtig:

Mir persönlich hat die fundierte Arbeit der Süddeutschen Zeitung geholfen, die Zusammenhänge besser zu verstehen, insbesondere der auch grafisch sehr anschaulich aufbereitete Online-Beitrag zur exponentiellen Ausbreitung des Virus. Doch schauen wir uns einmal genauer an, wie andere Medien und Kanäle ihre Kommunikation rund um die Corona-Krise organisieren.

©www.instagram.com/sarahshakeel/

Niemand hat das Händewaschen bisher so glamourös zu illustrieren gewusst wie die Künstlerin Sara Shakeel. Auf ihrem Instagram-Account @sarashakeel schreibt sie: „I am truly TRULY happy to see how a simple piece of art can bring such a positive ✨✨ impact on people’s lives especially in these tough times 🌏 !“ Danke dafür, Sara

Facebook und Youtube: der subobjektive Algorithmus

Wenn Mark Zuckerberg kundtut, das Coronavirus für eine „globale Herausforderung“ zu halten, denkt man ja reflexartig gleich wieder: Ach ja, ach ne, nicht schon wieder der Ritter der Meinungsfreiheit. Zuckerberg kündigte am 4. März auf seiner Homebase an, die Verbreitung von Fake News und Verschwörungstheorien über Covid-19 unterbinden zu wollen. Facebook werde derlei entfernen und dabei den Einschätzungen globaler Gesundheitsorganisationen folgen. Was ist seither passiert? Entfernen im Sinne von löschen: Fehlanzeige. Martin Fehrensen, der Gründer des Social Media Watchblogs, kann nicht entdecken, dass Facebook in Deutschland entsprechende Inhalte gelöscht habe. Falschinformationen werden vielmehr im Algorithmus herabgestuft und tauchten daher nicht in der Timeline der Nutzer auf. Ähnlich funktioniert die Strategie von YouTube, auch hier soll der Algorithmus die Verbreitung von Fake-Videos eindämmen. Auch wenn man in diesem Fall vielleicht mit dem manipulierten Algorithmus einverstanden ist, bleibt doch generell problematisch, dass dieser eben jederzeit von Facebook, YouTube et al., die sich weder Presserecht noch journalistischer Sorgfalt verpflichtet fühlen, kriterienoffen gesteuert werden kann. Die Timeline ist deshalb nicht objektiv, sie ist nicht einmal an die subjektiven Interessen angepasst.

Sky: Zusammenhalt, der sich auszahlt

Die Bezahlplattform Sky gab am 12. März bekannt, an den kommenden beiden Bundesliga-Wochenenden, die ohne Stadionpublikum stattfinden werden, auch Nicht-Abonnenten einen kostenfreien Zugang zu den Konferenzen der 1. und 2. Liga zu ermöglichen. Devesh Raj, Vorsitzender der Geschäftsführung bei Sky Deutschland:

 

Ein generöser und sehr geschickter Marketing-Schachzug, der Sky reichlich Sympathie-Smileys zufliegen lassen wird – nur die Kneipen- und Barbetreiber werden vielleicht ein wenig angesäuert sein, böten doch ihre Etablissements  in Zeiten des Stadionverbotes gute Public-Viewing-Alternativen.

 

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Apotheken-Umschau: Hand-Hygiene wird Posterboy

Solide, sachlich und überraschend empathiebefreit berichtet das Flaggschiff der Apotheken-Kommunikation über „die Lungenkrankheit Covid-19“. Unter der Headline „Coronavirus: Gesammelte Informationen“ werden in staatstragendem Jargon die Fakten zusammengestellt. Der Psychologe Martin Hertwig wird herangezogen, um zu klären, wie wir gemeinen Paniker und Maniker in der Ausnahmesituation einen kühlen Kopf bewahren können. Sein Mittel der Wahl ist die Relativierung:

 

So oder ähnlich reagiere ich gewöhnlich auf die Flugangst-Attacken meiner Töchter. Bringen tut es allerdings nada. Ganz lustig ist die Idee der Redaktion, „ein leicht verständliches Plakat“ zum Download – und zum Aufhängen in „Betrieben, Schulen und Veranstaltungsräumen“ anzubieten. Erklärt und illustriert wird auf dem Poster, wie richtiges Händewaschen geht, der Erreger übertragen wird und wie eine Ansteckung zu erkennen ist. Das Plakat gibt es, Apotheken Umschau ist eben Apotheken Umschau, auch in Englisch, Türkisch und Arabisch.

Bildblog: Feinarbeit gegen Panikmache

In verlässlich akribischer Manier nimmt das Bildblog die Berichterstattung von Bild und bild.de auseinander. Die Dramaturgie der Corona-Artikel gleicht dem Umgang mit dem Thema Diät in klassischen Frauenzeitschriften: vorne Magermodels, hinten haufenweise Backrezepte. Bild-Kolumnisten dürfen dann schon mal schreiben, dass es keinen Grund zur Panik gäbe, was weiter nicht auffällt, da auf der Titelseite Panikmache in Knallgelb durchexerziert wird. Wenn „Ein Wochenende im Bann vom Corona“ (Bild vom 29.2.2020) ansteht, dann hofft man bei Springer eben besonders viele Zeitungen zu verkaufen. Bild.de macht mit Headlines wie „Corona-Irrsinn! Ärztin trägt Taucherbrille zum Schutz“ auf und man kann sich nur demütig dankend vor den Bildblog-Machern verbeugen, die es auf sich nehmen, sich durch diesen Schwachsinn zu wühlen und die Perfidie dieser Berichterstattung uns allen immer wieder aufzuzeigen.

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Und die kleinste Medieneinheit, ich selbst?

Humor scheint derzeit auch keine Lösung zu sein. Als ich gestern den neuen Direktor der Private-Banking-Sparte eines Kunden zu interviewen hatte, galt selbstverständlich strengstes Handschüttel-Verbot. Da das Gespräch jedoch überaus angenehm verlief, dachte ich, es wäre nicht verkehrt, sich beim Abschiednehmen ein wenig locker zu machen. Ich hob also in sozialistischer Manier die rechte Faust und sagte an der Türschwelle: „Power to the People!“ Das wurde ganz im Sinne des hanseatischen Understatements schweigend ignoriert.