Mehr Mut zur Hässlichkeit

Heute ertappe ich mich dabei, wie ich Caro Daurs Instagram-Profil suchte. Laut 1,5 Millionen Followern ist sie in Deutschland der modische Maßstab für viele junge Mädchen. Ich möchte sie oft blöd finden, weil sie so ein tolles und unbeschwertes Leben zu haben scheint, muss mir aber eingestehen, dass ich die Perfektion, die sie in ihr Instagram-Profil steckt, sehr beachtlich finde. Alles an ihr ist makellos: ihre Kleidung, ihre Haut, ihre Fotos. Nach einer langen Stunde hoch- und runterscrollen, verlasse ich Caros Account und wechsle in meinen Newsfeed.

Instagram-Account von @carodaur

Ich folge 500 Accounts. Mein Newsfeed ist wie eine bunt gemischte Süßigkeitentüte. An erster Stelle wird mir wieder Caro Daurs Instagram-Profil angezeigt. Gleich darunter Alana. „alanabc“ ist Model und hat – wenn ich das mal so beurteilen darf – keinen modelwürdigen Instagram-Account. Trotzdem folgen ihr 68,8k Abonnenten. Darunter ich.

Instagram-Account von @alanabc

Alanas Fotos würden Caro-Anhänger wohl als hässlich und wahllos betiteln. Sie postet Fotos von ihren Augenringen, von Schweinen, die sich im Schlamm wälzen und von Freunden, die Fratzen ziehen. Damit meine ich nicht gewollt hübsche Fratzen, sondern echt hässliche Gesichtsausdrücke. Sie legt eine Schippe drauf und verzichtet auf Filter (ich habe mir mal von einer Influencerin sagen lassen, dass Filter ein Must-have für ein erfolgreiches Instagram-Business ist).

Schaue ich mir Caro und Alana an, finde ich beide gar nicht so verschieden. Sie sind blond, zierlich, schön. Caro hängt mit Designern wie Domenico Dolce und Stefano Gabbana ab. Alana mit Sängerin Lana Del Rey oder Model Lily-Rose Depp, Sprössling von Schauspieler Johnny Depp und Model Vanessa Paradis. Die Ästhetik der beiden Instagram-Accounts liegt jedoch in unterschiedlichen Dimensionen. Caro werden wir niemals wasted mit Zigarette im Mund und Pilotenbrille auf der Nase zu sehen bekommen. Sogar beim Kaffee trinken sieht sie aus wie ein Engel. Alana werden wir niemals in einer perfekt inszenierten Kulisse mit türkisblauem Meer und hellblauem Himmel sehen. Ich bin ein Fan von beiden Frauen und frage mich, ob ich Geschmacksirritationen habe.

Instagram-Vergleich unter Influencern

„Anti-Mode ist die neue Mode“, pflegte meine Professorin für Modedesign immer zu sagen. Das war vor fünf Jahren, als das Wort Influencer noch nicht populär war. Anti-Mode meint tragbare, unangestrengte Mode ohne viel Chi-Chi. Heute erinnere ich mich wieder an diesen Satz.

Ich bin auf der Suche nach einem tollen Fundstück aus dem Influencer- oder Content-Marketing und mir fällt nichts Besseres ein, als in den Fotos von Caro und Alana zu wühlen. Dabei ist mir nicht bewusst, dass sich ein Trend direkt vor meinen Augen befindet. Dass ich eigentlich nur meine bunte Süßigkeitentüte öffnen muss, um etwas zu entdecken, das sich schon längst unter uns gemischt hat. Caro und Alana spielen dabei eine große Rolle. Erstere zelebriert das Mondäne, den Glamour. Letztere die Andersartigkeit, den Sarkasmus.

Vergleiche von Instagram-Accounts großer Modelabels

„Auf den überteuerten Luxus folgt jetzt eine Gegenbewegung, die mit den Codes des Normalen oder gar Lächerlichen spielt“, kommentierte Alfons Kaiser, Mode-Experte der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Er bezog sich auf Modelabels wie Vetements oder Off-White, die tragbare Mode wieder allgegenwärtig machen. Eine Anti-Mode-Mode sozusagen. Übersetzen können wir dies auch für Instagram: Auf Caros glamourös inszeniertem Instagram-Account folgt Alanas rotziges Profil. Caro ist Dolce & Gabbana, Alana mehr so Vetements. Und tatsächlich, wenn ich die Instagram-Accounts beider Labels vergleiche, sehe ich genau jene Ästhetiken, die die beiden Frauen jeweils bis ins kleinste Detail perfektionieren.

Wenn ich Caros Fotos anschaue, brauche ich Alanas Fotos, um wieder auf den Boden zu kommen. Alana ist schön und könnte sich ebenso inszenieren, tut es aber nicht. Sie feiert die Ästhetik des Hässlichen. Ein Gegentrend, der ganz erfrischend ist.

Lust auf schön hässlichen Content? Eine Auswahl an Inspiration:

Aufmacherfoto © Courtesy of Vetements / Demna Gvasalia