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Wie es sich anfühlt, die “Drive”-Jacke von Ryan Gosling zu tragen 1. Juni 2017

Kennen Sie die „Drive“-Jacke? Natürlich. Ein buchstäblich schillerndes Kleinod aus der jüngeren Filmgeschichte: Perlmuttfarbendes Satin mit braunem Innenfutter, eine elegante Mischung aus Rennfahrerblouson und urbaner Härte, stilistisch abgerundet mit eingestickter Skorpion-Silhouette in Gold auf der Rückseite. Ein ambivalentes Textilkunstwerk, bei dem der geneigte Betrachter für gewöhnlich die Hände über dem Kopf zusammenschlägt und angewidert aufstöhnen würde, wenn, ja, wenn nicht der allseits vergötterte Ryan Gosling diese Jacke im Thriller „Drive“ tragen würde. Bedauerlicherweise bin ich auch dieser durchaus diskutablen Jacke verfallen, die an Sommertagen zum Einsatz kommt. Klare Sache, dass ich mir dafür viele Sprüche anhören muss.

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Der Klassiker: „Was für ein Idiot, der glaubt, er sei so cool wie Ryan Gosling“. Okay, langweilig. Als ich mit Kollegen zur Mittagspause beim Italiener bin und die Perlmuttjacke in der Frühlingssonne glitzert, können wir dreimal jenen Wortlaut von umliegenden Tischen beiläufig aufschnappen. „Unfassbar hässlich“, „beinahe schon obszön“ und „peinlich“ sind andere verbale Urteile, die für gewöhnlich gefällt werden. Wer hat eigentlich das Gerücht in die Welt gesetzt, dass man in Hamburg eher hanseatisch zurückhaltend mit Kritik umgeht?

Sogar Tobias Kniebe schrieb vor ein paar Monaten im „SZ-Magazin“: „Kein Mann, außer eben Ryan Gosling, kann eine solche Jacke tragen, ohne sich lächerlich zu machen. Weshalb wir anderen Männer dann innerlich stöhnen und behaupten, die Jacke sei gar nicht so cool, eher eine Parodie von Coolness. Einen Tick drüber, einen Tick zu unwahrscheinlich, einen Tick zu perfekt.“

Kompletter Unsinn. Die Jacke ist natürlich eine Hommage an den Film von Regisseur Nicolas Winding Refn, an die synthetisch-melancholische Härte, welche Los Angeles im Film beschreibt, den Soundtrack, die grellen Neonfarben. Aber doch kein Ryan-Gosling-Recycling. Das wäre ja so, als würde ich morgens Ryan-Gosling-Parfüm auftragen. Auf jeden dummen Spruch kommt mindestens auch eine Frau, die fragt: Wo hast du die her? Die muss ich UN-BE-DINGT meinem Freund zum Geburtstag schenken.“

Verdammt. Nicht mal zum Flirten taugt die Jacke. Wahrscheinlich flüchte ich mich unterbewusst in Parallelwelten, längst in dem Gewissen, dass Ryan Gosling in Wahrheit wie Angela Merkel ist: Man muss sehr lange nach briefmarkengroßer Angriffsfläche suchen, um Kritik glaubwürdig zu machen.

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So wie neulich, feuerte ein geschätzter und recht hochgewachsener Kollege den letzten verbalen Pfeil aus seinem Köcher in die schmachtende Frauenrunde: „Ryan Gosling? Der ist doch ein Zwerg! Wie könnt ihr den toll finden?“ For the record: Alternative Fakten entstehen oft als klassische Übersprungshandlung in Momenten purer Verzweiflung oder Ratlosigkeit. Ryan Gosling ist 1,84 Meter groß. Perfektes Maß, nicht zu groß, nicht zu klein.

Seien wir ehrlich: Er könnte auch einen Ganzkörper-Müllsack, ein HSV-Trikot oder ein Pietro-Lombardi-Fanshirt mit Pailletten tragen – und würde immer noch als optisches Gesamtkunstwerk mit Influencer-Qualitäten durchgehen. Ich habe es bereits ausprobiert, ich sehe darin ziemlich dämlich aus.

 

 

 

 

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