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Storytelling Learnings: Victoria 26. Juni 2015

Noch schlimmer als überreizte Buzzwords sind Buzzword-Bingos, die noch einmal lustig, lustig zusammenfassen, was so alles nicht geht. Auf den Hater-Listen besserwisserischer Sprachpolizisten und Übermorgen-Checker steht das „Storytelling“ denn auch ganz weit oben – das ist ja soooo gestern. Dabei stirbt das Erzählen guter Geschichten nie aus. Mich macht es glücklich, wenn ich Dinge erlebe, die mich lernen und noch besser verstehen lassen, wie das funktioniert mit dem berührenden Storytelling.

paar Kopie

Sehr viel erlebt und gelernt habe ich gestern im Kino. Dort sah ich Victoria, den ungeschnittenen 140-Minüter von Sebastian Schipper. Meine Freundin Anja und ich waren total erledigt und durchgeschwitzt (ich), so intensiv und wild hat uns der Film erwischt. Und vorher dachte ich noch: Ach, sone artsy Kunstkopfgeburt das mit dem Drehen ohne Schnitt, so voll Brigitte ohne Models. Ich will im Kino überwältigt werden, deshalb geh ich hin. Warum auf eine super cinematografische Kulturtechnik verzichten, wenn sie doch so toll zur Verdichtung dient? Bin nur mit, weil ich Schipper in Tykwers „Drei“ so klasse fand und mal sehen wollte, was er als Regisseur drauf hat.

Das tollste ist, dass dieser ungeschnittene Film viel schneller, echter und feinporiger geraten ist, als die rasant geschnittenen YouTube-Streifen unter zehn Minuten, von denen mich einige auch begeistern.

Ich brauchte ein bisschen, um reinzukommen, weil gerade die Anfangsbilder so gesehen waren: Mädchen mit ausgebreiteten Armen auf Hausdach, zuckende Körper im Dancefloor-Nebel, Asphaltgerenne. Aber das Beharren auf dieser visuellen Teenage Rampage, die von den immerhin Endzwanziger-Schauspielern neu wild gestaltet wurde, gab dem Film den entscheidenen Twist und Halt. Symbolisch dafür das ständige Haargummi-Festzurre der Protagonistin, um ihrer Wirrheit immer wieder Zwischenhalt zu geben und nicht in der Lust aufs ungebändigte Sein nach 16 Jahren preußischem Klavier-Konservatorium zu versinken. Und dann ist es doch passiert – übers Verlieben, wie immer. Im Film und im Kinoraum, den alle so gebügelt verließen wie wir.

blau

Klar, die Story ist wichtig, manchmal ist es aber noch wichtiger, mit welchen Mitteln und unter welchem Einsatz sie erzählt wird. Schipper hat die entscheidenden Kriterien der Jugendlichkeit – Abenteuerlust und Wagemut – zu seinem Produktionsprinzip gemacht. Sehr konsequent, sehr lohnend. Die hautnahe Kamera, die tiefe Musik von Nils Frahm, die Hingabe und das große Können der Schauspieler – geht alles direkt in die Venen.

Lieblingsszene ist natürlich die, in der sie sich ausziehen und auf der Tanzfläche miteinander toben. Alles egal, erster Kuss. Für immer.

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