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Schätze: marereise Hamburg 31. Mai 2012

Stehe ich am Kiosk, geht es mir neuerdings so wie vorm Joghurtregal im Supermarkt. Ich frage mich, ob das viele Bunte, was mich da anbrüllt, wirklich Vielfalt ist. Oder immer das gleiche Zeugs von unterschiedlichen Menschen, die eben einfach nur Geld machen wollen und Männer mittleren Alters engagieren, um mir die Welt zu erklären. Wenn das Schöne dann mal durchblitzt, ist das umso bemerkenswerter: Seit dem 22. Mai gibt es marereise Hamburg und das ist wirklich ein Grund zum Freuen. Nachdem die Kollegen im Sandtorquaihof das Kindermagazin „mare Ahoi“ nach nur 5 Ausgaben – habe das Mag erst mit der letzten Ausgabe entdeckt, in die der Abschiedsbrief hastig und offensichtlich nach Druckunterlagenschluss über das Editorial geklebt wurde – wegen magelnder Gewinnaussichten einstellten nun also ein neuer Versuch mit einem neuen Format.

Man wolle mit dem Mag, so die PM zum Erscheinen des Heftes, „die Hansestadt von ihrer Meerseite entdecken.“ Geschenkt, ist halt das Alleinstellungsmerkmal des Mutterblattes. Die liebsten Geschichten in marereise blicken nicht vom Meer sondern vom Herzen aus auf die Stadt der Städte. Die wunderbare Silke Burmester schreibt über die fein zementierten Abgrenzungsrituale der Hanseaten und betrauert das Verschwinden des Möweneis aus Hamburger Bratpfannen, was als Symbol für die Benettonisierung der Welt im Allgemeinen und Hamburg im Besonderen genommen werden soll: Alles wird immer gleicher, Sperrigkeit und Starrsinn schwinden. Man gibt sich heutzutage kompatibel und geschmeidig – im Marketingjargon: flexibel. Was ja das genaue Gegenteil von Heidi Kabel ist.

Till Brigleb widmet sich auf sieben Seiten der HafenCity, dem, was einmal als neuer Leben-am-Wasser-Traum losflog und als stilloses Replikantentum einst wegweisender architektonischer Taten an den Hamburger Kais landete. Briegleb vertritt seine Thesen argumentationsstark, engagiert und mit dem Mut zum Fingerzeig auf die Feinde einer zeitgemäßen Neuerfindung der Stadt: Menschen wie „Hamburgs erster Geschmacksrichter in Architekturfragen, Oberbaudirektor Jörn Walter.“ Zudem verführt er mit bildstarker Schreibe dazu, seinen Thesen zu folgen: „Plötzlich sind keine architekturinteressierten Eltern mehr zu sehen, die ihre fußmüden Kinder durch die Straßen scheuchen, keine Rucksacktouristen auf roten Leihfahrrädern und auch keine Anzugträger, denen der Wind den Latte-macchiato-Schaum auf die Krawatte bläst.“ Schaum auf Krawatte ist schön und ich weiß genau, was der Autor meint. Obwohl es reine Erfindung ist, denn die Anzugträger führen ihren Latte stets durchs Trinkloch im Plastikdeckel ein. Ich weiß das, weil ich ja im HafenCity-Zoo arbeite.

marereise ist nicht nur gut geschrieben, es ist auch ruhig und schön bebildert und illustriert. Die Euro 8,50 – in den Zeiten kostenloser Magazinapps kommt einem das plötzlich so viel vor – sind bestens angelegt für diese Lektion in Stadtverständnis. Bitte kaufen, denn es wäre schön, weitere solcher Journale für andere Wasserstädte zu haben.

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