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No Sports, No Future 26. Juni 2016

bannerEs ist schön, wenn Menschen aufrechten Herzens ein neues, anderes Magazin machen, hinter dem sie voll stehen. Auch weil es so selten ist, dass Medien mit einem gewissen Aufschlag ohne jede Anzeigenkundenranschmeiße tatsächlich erscheinen. Zuletzt haben das Lena Dunham und Jenny Konnor mit Lenny geschafft, einem Magazin, das zweimal wöchentlich als Newsletter kommt und kluge Frauen mit „Feminism, Style, Politics, Frienship & more“ versorgt. Am Freitag folgte das 11Freunde-Team aus Berlin mit einem Printtitel, der Geschichten aus dem Abseits des sportlichen Mainstreams erzählt. No Sports heißt das neue, 140 Seiten starke Blatt aus dem Hause Gruner + Jahr. Konsequenterweise müsste es im Turnbeutel kommen. Beim ersten Durchblättern wurde ich jedenfalls an meinen erinnert: TuS Finkenwerder stand da drauf, er war dunkelgrün mit Segelboot-Wappen.

Doch warum ging es mir so?

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Hat doch auch No Sports alle Spielereien, die die Trendblätter der Republik hip machen sollen: viele, viele Rahmen und Striche, viele, viele Typenwechsel, in alle Richtungen gekippte Zeilen, knallige Streifen an Schwarzweißfotografie. Bild und Text scheinen nicht genug zu sein. Die Grafik ist mächtig. Trotzdem wirkt das Heft retro. Das kommt, weil oft alte Helden zu sehen sind: Coverboy Boris Becker, Muhammad Ali, Bernhard Langer, Kolumnist Ulli Wegner. Die Sportarten, die als Eckpfeiler der Blattausrichtung im Editorial herangezogen werden, sind allesamt im deutschen Vereinswesen beheimatet. Die Blattmacher sind eben Ü40-Männer, die immer schon Sport geguckt haben und den Protagonisten ihrer Jugend verbunden geblieben sind (Wer sonst käme auf die Idee, eine Story über Jürgen Hingsen zu machen?). Der Blick in den Rückspiegel ist alright aber warum muss er so dominieren?

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Ringer waren schon immer harte Hunde und fügen sich gut ein in No Sports. Die schöne Weltkarte der Volkssportarten ist überraschend dünn besiedelt.

Wenn doch jeder Sport großer Sport ist, wie das Vorwort nahelegt, warum sind dann nicht Surfer, Biker, Traceure, Freitaucher oder Skater eine No Sports-Story wert? Ganz einfach: Sie sind Acion-Sportler, fallen in die Atemlos- und Lifestyle-Range und sind werbeästhetisch äußerst kompatibel. Das ist ganz offensichtlich etwas, womit No Sports nichts am Hut hat. Dabei haben diese Leute doch genau das getan, was auch die 11Freunde unternommen haben: Sie haben neue Formate entwickelt. Es gibt heute viele Menschen die ausdauernd und leidenschaftlich und sogar mit Liebe (drei Faktoren, die No Sports-Macher großartig finden) zu Unrecht als Trendsportarten verunglimpften, schnellen Bewegungsarten nachgehen. Ihre Geschichten den dödeligen Lifestylepostillen zu überlassen ist dumm und schade.

Gerade so tolle Autoren wie sie das 11Freunde-Team hat, hätten in der Kombination ihrer Ikonen mit denen, die sich jetzt aufmachen, genau das entdecken können, was Traditionen entstaubt: spannende Interpretationen. Wer das nicht sieht, benimmt sich wie Rolling-Stone-Leser, die ja auch glauben, dass nach Rock’n’Roll keine echte Musik mehr gemacht wurde. Doch nicht immer ist Schweiß ein Beleg für totalen Einsatz und die Bereitschaft, übers Limit zu gehen. Für diese Erkenntnis sind die No Sports-Redakteure aber ganz offensichtlich nicht bereit. So gibt man sich enttäuscht, dass Triathlet Jan Frodeno nach knapp neun Stunden Wettbewerb nicht wirklich schweißtriefend zerstört aussieht. Sondern fit. Okay, für die Idee vom Vorher/Nachher-Bild gibt das jetzt nicht den geplanten Kontrast her. Aber das genau ist eben der Unterschied zwischen Theorie und Praxis.

Manchmal muss man revidieren.

Mich hat die No Sports-Titelstory über Boris Becker dazu gebracht. Tim Jürgens ist ein sehr guter Beobachter und ich habe viel gelernt über Becker, alles Dinge, die nicht in mein Bild von ihm passen. Wer weiß schon, dass der Tennis-Berserker seiner Passion zwei künstliche Hüftgelenke verdankt? Und dass er heute mit seiner Familie tatsächlich in Wimbledon wohnt, was Jürgens zauberhaft beschreibt:

„Wie ein Kind, das sich in sein Puppenhaus imaginiert, ist die Metapher vom Wohnzimmer für ihn Realität geworden.“

Auch meine Tocher Fanny hatte No Sports in der Hand. Sie liest gern Headlines laut und deutlich vor: „F-r-a-u-e-n b-r-a-u-c-h-e-n m-e-h-r S-t-r-u-k-t-u-r, d-e-u-t-l-i-c-h-e-r-e A-n-s-a-g-e-n, s-o-n-s-t …“ Jeder klischeegeschulte Mensch weiß, wie es jetzt weitergeht: „… g-i-b-t e-s Z-i-c-k-e-n-k-r-i-e-g!“

Schon klar.

Wenn denn mal Frauen zum Thema in No Sports gemacht werden, in diesem Fall die Hockeyspielerinnen Maartje Paumen und Julia Müller, wird die Story mit dem abgehangensten Zitat eröffnet, das sich aus der Ursuppe der Hanni-und-Nanni-Logik fischen lässt, mit der wir in Hingsen-Zeiten gequält wurden. Leistungssport ist, wie Jürgens an anderer Stelle richtig diagnostiziert, eben kein Examenstutorium. Da haben Jürgen-Drews-Weisheiten eine sehr hohe Halbwertszeit. Kein Grund dafür, sie als offensichtlich wichtigste Essenz aus einem 350-Zeilen-Interview zu filtern. Nun gut, kommt eben immer auf die Beschaffenheit des Filters an.

Wie irritierend die nostalgische Betrachtung der Welt ist, die von verblassten Bezugsgrößen nicht lassen kann, bringt die Weitspringerin Alexandra Wester auf S. 18 prima auf den Punkt. In einem Entweder/Oder-Interview fragt No Sports sie:

Muhammad Ali oder Heike Drechsler?

Alexandra Wester: Deren Kinder!!!

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No Sports-Grafik in der Heftmitte: Montage der gefährlichsten Kurven wichtiger Formel-1-Strecken.

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