CP-BLOG

Die nackte Kanone 01.15 8. Januar 2015

yourejusttoogood-Teaser-breit

Jürgen Teller weiß, dass eine Kamera die einzige Waffe ist, die mit jedem Schuss ihre Monition erst erzeugt. Nun ist am Drücker zu sein erst einmal nichts Verwerfliches, brutal ist es schon. Mildernd wirkt, wenn das Knipsen intim erfolgt und auch die Ergebnisse intim bleiben. Doch Milde ist Jürgen Tellers Sache nicht, deshalb bat er am Dienstag die Vernissage-Gäste der von ihm und Tal R kuratierten  Ausstellung „You’re just too good to be true“ nackt vor seine Kamera. Die geschossenen Polaroids wurden gleich mit ausgestellt und sind bis zum Ende der Schau am 31. Januar in der Contemporary Fine Arts Galerie in Mitte anzuschauen.

Ein Spektakel war es, die Schlange vor der Pappbox, in der ausgezogen und abgelichtet wurde, war lang und nicht abreißend. Irgendwann war sogar Einlassstop und das will etwas heißen in einer Stadt, in der am gleichen Abend auch noch Kraftwerk in der Neuen Nationalgalerie zu sehen war und es ein paar sehr schöne Gelegenheiten gab, tanzend durch die Nacht zu streunern.

doppel

Links „Das Waisenhaus“ von Taka Kagitomi, rechts „Ohne Titel“, Meike Männel

Warum war das Bedürfnis so groß, sich von Teller ablichten und an die Wand pinnen zu lassen? Sicher, er hat einmal Bilder gemacht, bei deren Anblick man das Gefühl hatte, gerade aufgewacht zu sein, schonungsloser Morgenblick. Enthüllend auch das, aber eben anders, weil maximal nebenher entstanden. So fühlte es sich jedenfalls an. Außerdem weiß ich ja selbst, wie ich morgens vor dem Zähneputzen und Haare kämmen aussehe, dafür brauche ich den Fotografenstar nicht.  Und es fragt sich, ob es wirklich Individualisierung ist, wenn Colaflaschen  heißen wie ich und mein Körper in einen Bilderteppich eingewoben ist. Oder doch wieder nur das genaue Gegenteil.

Frau

„Niewieder 1“, Meike Männel

Aber vielleicht ist es schon genug, wenn so eine Aktion diese Fragen provoziert. Teller selbst behauptet, Aufmerksamkeit für die Ausstellung seiner Studenten erzielt haben zu wollen. Aufmerksamkeit war da, doch ob sie den ausgestellten Arbeiten galt sei mal rhetorisch dahingestellt. Der Raum war jedenfalls so voll, dass man die Werke an den Wänden gar nicht sehen konnte. Dafür gibt es jetzt ein paar davon hier auf dem kleinen, feinen Ehrpuzzleblog.

primat

Links „Lady“ von Eun Kyung Kim, rechts „Primat“, Jochen Goerlach

Tuch

„Colorbound“, Rory Witt

Im Netz sind übrigens keine Spuren der Aktion zu finden. Kein Foto von Eigenpolaroids nirgends, dabei hätten sich diese Double-Selfies doch nun wirklich angeboten. So relativ ist heute das Spektakuläre. Und das vorab so vielgepriesene Kraftwerk-Konzert wurde auch nur mager und fast ausschließlich in hauptstädtischen Organen rezensiert. Vielleicht ist die Zeit von so manchem einfach vorbei.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

  • (wird nicht veröffentlicht)

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>


− vier = 0