CP-BLOG

Mal was anderes: Kinder 2. Oktober 2016

Aufmacher2

Lange Zeit konnte ich mir gar nicht vorstellen, Kinder zu haben. Was nichts heißt. Bis ich so 30 war und „High Heels“ von Almodovar sah, konnte ich mir ja auch nicht vorstellen, in etwas anderem als Chucks oder Ballerinas durch die Gegend zu laufen. Heute ist ein Tag auf 12 Zentimetern völlig normal für mich. Mütter und Väter waren mir in der Regel ein Gräuel. Total langweilig, was die plötzlich für Texte machten. Dabei verändert sich natürlich kein Mensch dadurch, dass er Kinder bekommt. Die Schrecklichen sind dann nur noch schrecklicher, weil nämlich sämtliche Verpasstheiten auf die Schutzbefohlenen übertragen werden. Und die können nicht weg. Ich sag nur: Helikoptereltern.

Erstes Umdenken setzte ein, als ich The Van und The Snapper von Stephen Frears guckte. Mit diesem gewitzten Underdog-Universum konnte ich mich ganz und gar identifzieren. Kinder zu kriegen wurde in dieser Welt nicht hinterfragt. Das wäre so, als würde man nicht essen wollen aus Angst, sich zu verschlucken, nicht rennen aus Angst, hinzufliegen, nicht erwachsen werden wollen aus Angst, ja, wovor eigentlich? Keinen Mist mehr bauen zu können wahrscheinlich. Sich irgendwann zu verdoppeln, das ist in unserem Bio-Legokasten eben vorgesehen. Warum die ganzen roten Steine liegen lassen?

3

We’re Only in it for the Money von Zappa und den Mothers (!) of Invention. Als das Album 1968 rauskam, war Zappa mit 28 Jahren bereits Vater einer Tochter, drei weitere Kinder folgten. Ich bin ja überzeugt, dass das Vater-Sein seiner Hippie-Verachtung ordentlich Rückenwind gab.

Im echten Leben begannen dann die ersten engen Freunde, Kinder zu kriegen. Die waren danach wie immer, nur eben müder und mit einem klitzekleinen Menschen dazu, der aussah wie eine Mischung aus den beiden Großen. Es haut mich um, wenn Menschen, die ich sehr mag, sich so verlängern, da kriegt man gratis quasi eine Extended Version on top. Hejjj, beste Chancen für die Welt, besser zu werden! Bis heute finde ich es bedauerlich, wenn gute Freunde keine Kinder kriegen. Ich werde nie sehen, wie die in klein um die Ecke biegen. Wie die ihnen Namen geben, versuchen, sie klug und lustig zu erziehen, wie die ihre Kinder lieben (Knausgard hat vor der Geburt schon mal ein Bild vom Yello Submarine über der Wiege seiner Tochter an die Wand gepinnt, damit die gleich sieht, wie schön die Welt ist). Und nicht erleben, wie deren Kinder was Eigenes aus dem kneten, was sie da mitkriegen.

Die kleine Müller-Schnitthaven? Wird es nie geben.

Voll traurig.

Selbstverständlich tut das der Liebe zu meinen Freunden keinen Abbruch. Ego genug bin ich aber schon, dass ich zu gern sehen würde, wie die den Wahnsinn wuppen. Und irgendwie schon ahnen, wie das ist, das funktioniert eben einfach nicht. Wenn Du nie nachts von einem herzzerreißenden Schreien aufgewacht bist und ein kleiner, verzweifelter Mensch sich in Dich, und zwar nur in Dich krallt, verstehst Du nicht wirklich, dass jetzt mal Schluss ist mit vielleicht. Wenn Du nicht da bist, stirbt der. Das ist ernst.

beatles

Help! von den Beatles gehört bei uns zum familiären Bildungsprogamm

Klar wurden mir diese ganzen Sachen erst, als ich meinen Mann traf. Plötzlich war da einer, mit dem sich das Ding drehen ließ. Besser noch: Der die Lust weckte, das zu tun und zu sehen, was dabei rauskommt. Jetzt haben wir drei Kinder. Eine der schlimmsten Sachen dabei ist, mit den engen Räumen klarzukommen, die einem als Mutter zugestanden werden. Entweder man ist die mit dem Sabber auf der Schulter oder die alles packende Working Mom. Dazwischen bleibt nur der Zustand, in dem Frauen gar keine Resonanz mehr kriegen und sich mit anderen Resonanzlosen beim Café Latte treffen, um über die Männer herzuziehen, die erst immer später von der Arbeit kommen und dann weiterziehen. Alles sehr demütigend und vor allem: herzlos holzschnittig. Um da nicht den Humor zu verlieren, braucht es einen starken Clan. In dem läuft es dann erstaunlich rund. Klar, es gibt reichlich Zoff und plötzlich stehen Diskussionen über Kylie Jenner Lipstick Kits, Gel Nägel und die Notwendigkeit von Basecaps für 35 Euro auf der Tagesordnung. Damit möchte man sich nicht wirklich befassen. Aber wenn unsere Tochter Fanny auf die Frage, ob der Lehrer, mit dem sie gerade Trouble hat, alt oder jung sei, mit „beides“ antwortet, dann ist das doch wieder sehr viel erhebende Weisheit für einen einzigen Küchentischmoment.

Wie ich jetzt drauf komme? Nun, ich merke einfach, dass ich mich von einigen Freunden entferne, die keine Kinder haben. Ihre Probleme interessieren mich immer weniger, weil es mir so vorkommt, dass 96 % davon eben darauf beruhen, dass sie wie früher immer noch lieber „jein“ als „ja“ oder „nein“ sagen. Sie halten sich selbst in jahrelangen Beziehungen alle Optionen offen, könnte ja doch noch was Besseres um die Ecke biegen. Ich habe mich festgelegt und das stellt mich irgendwie in einen anderen Raum. Das heißt nicht, dass ich nie verwirrt bin oder hadere, aber ich ziehe niemals in Betracht, wegzulaufen, wenn das passiert. Denn das wäre kindisch. Und das ist einfach nicht mehr attraktiv.

 

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

  • (wird nicht veröffentlicht)

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>


− drei = 4