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Land of the Free 29. August 2017

Schon bevor wir im Juli aufbrachen, fragten viele Freunde: „Warum wollt ihr denn ausgerechnet jetzt nach Kalifornien?“ Kaum zurück, sind Zeit, Süddeutsche et al. randvoll mit Amerika-Bashing: Das Land sei nun wirklich am Ende. Angekündigt habe sich das den Weitblickern schon vor fünf bis zehn Jahren, entsprechende Autoren werden herangezogen.

Vergessen wir mal ganz kurz, dass das Leitmedium unserer Tage, das Internet, fest in – wie es so schön heißt – amerikanischer Hand ist. Seine Sprache, Design, Technologie und Inhalt werden von amerikanischen Konzernen bestimmt und die Welt pilgert bis heute ganz bestimmt nicht zur Leichenschau ins Silicon Valley sondern um dort irgendeine Spur zur Innovation von den Wänden zu kratzen. Selbst wenn wir das altersignorant ausblenden, kann ich nur sagen: Leute, wenn mein Mann und ich im Herbst 2010 nicht schon drei Kinder gehabt hätten, wäre die Wahrscheinlichkeit, dass wir zu „Hypnotise U“ von N.E.R.D. eines gezeugt hätten, hoch gewesen, sehr hoch. Muss die Bedeutung eines Landes nicht zuletzt an der Wirksamkeit seiner Kulturproduktion gemessen werden?

Vor ein paar Tagen erfuhr ich, dass das Label „& Other Stories“ für eine seiner sechs jährlichen Kollektionen mit Kim Gordon, 64, kooperieren wird. Kim Gordon, genau. Die Frau war, das musste ich den mittzwanziger Urban Professionals hier bei Companions – also der „& Other Stories“-Kernzielgruppe – erst einmal erklären, 50-prozentige Teilhaberin von Sonic Youth. Die andere Hälfte hielt Thurston Moore. Ein Duo aus Lärm und Lautstärke. Gordon, die intensivste Frau der Welt, geriet Mitte der 80er in meinen Fokus. Und dann explodierten auch schon die Beastie Boys in mein Leben und ich entspannte mich: na endlich. Wurde aber auch Zeit, dass Menschen auf dem Radar erschienen, die das Überleben derjenigen sicherten, die auf die Frage, was man denn wolle, die Welt retten oder Party machen, nichts anderes als „beides“ zu antworten wussten. Aus England und eben aus Amerika kamen diese Einzahler in meine innere Bausparkasse. Sie gaben meiner Zukunft ein Zuhause. Die ästhetisch geschulten Schlaumeierjungs um mich herum waren mir zu wenig Haudrauf, zu körperlos, nicht genug Proll-affin. Sie guckten Unterschichtenfernsehen mit Attitude und schrieben darüber spitzfingrige Aufsätze. Die Weltengagierten saßen beim Politkabarett zusammen, wo die Frauen im Publikum damit beschäftigt waren, ihren Freunden die Schuppen von schlechtsitzenden Pullis zu pulen. In Deutschland ist man eben anfällig für das Leben nach Konzept.

Derweil kamen Saftigkeit, Noise, wuchtige Weltverbesserung und neue Sportarten aus Amerika, in zugespitzter Form aus Kalifornien. In New York trifft man auf der Straße Leute und bleibt zum Quatschen stehen. In der Autostadt LA ist das undenkbar. Als ich vor 20 Jahren das erste Mal dort war, fingen einige in Deutschland gerade mit dem Piercing an. Es wurde debattiert, was schlimmer sei: Nasen-, Lippen- oder Bauchnabelpiercing. In LA kam mir auf der Straße eine Frau entgegen, die unter ihrem bauchfreien Top einen Gürtel, gestochen aus hunderten von Piercings trug. In Amerika ist das, was bei uns langsam reinschleicht, lauter, monströser, krasser. Wie Trump. Das ändert nichts an der Tatsache, dass es neben der englischen die amerikanische Kultur war, die wesentlich dazu beigetragen hat, das aus mir zu machen, was ich bin.

Diese Einflüsse wollten wir unseren Kindern zeigen, den vielen Platz und auch die Verrücktheit. Und natürlich auch selbst gucken, was sich in California getan hat.

Beitragsbild

San Francisco

Hatte ich beschaulich in Erinnerung, soft, regenbogig, hügelig, irgendwie harmlos Amistead Maupin. Bestes Thaifood essen gehen, sich den Weg durch eine Graswolke bahnend. Auf eine nicht unangenehm tranige Weise hippiesk. Das ist jetzt anders. Das Silicon Valley hat aus Bruchbuden Millionenobjekte gemacht. Um uns nach dem langen Flug erst einmal ein gutes Runterkommen zu ermöglichen, dachte ich, es sei eine gute Idee, im Hilton mit Pool abzusteigen. Als ich morgens aus dem Fenster im 33. Stock blickte, sah ich einen schwarzen Mann wie tot unten auf der Straße liegen. Was ihn noch toter erscheinen ließ, waren die vielen Menschen, die mit Fünf-Dollar-Starbucksbechern um ihn herumbalancierten. Auf den Straßen begegneten wir immer wieder zugecrackten Schwarzen, denen alles egal war. Die Stimmung erinnerte an unseren letzten Paris-Aufenthalt, nur potenzierter. Ein Prekäre-Welt-Ort in dem Reich und Arm fatal auseinander driften, absolut nicht dazu angetan, dort Urlaub zu machen.

Vegas

In Las Vegas war ich noch nie. Alle rieten uns, das auf jeden Fall anzuschauen. Muss man machen. Nun, das würde ich nicht unbedingt unterschreiben. Schon nach zwei, drei Stunden hat man gecheckt, wie die Stadt funktioniert. Sünde? Gibt es dort nicht, denn dazu müsste ja ein Tabu gebrochen werden. Jede der aufgebauten Fake-Welten besteht aus den gleichen Elementen: einem Spielcasino, einer Mall, einem Hotel mit Pool für die Poolpartys („European Style“) und Bühne für die Show. Leider sind die nicht mehr das, was sie mal waren: The Glam has left the building. Cirque du Soleil? Interessiert mich zu Hause auch nicht. Lichtscheue Gestalte wie Dean Martin, Elvis, Sigfried und Roy, die eine logische Dauerzuflucht in den dunklen Katakomben der Stadt gefunden hatten, waren einmal. Cher hat eine Show, aber sie schaut nur wohl dosiert vorbei. Null Prozent Verausgabung verglichen mit zwei Performances täglich.

Selbstverständlich hatte ich ein Vegas-Outfit im Gepäck. Aber keine Lust, es anzuziehen. Die größte Sünde besteht hier darin, „nein“ zu sagen, nicht zu spielen, nicht zu kaufen. In diesem Sinne sind die am Strip Arbeitenden die größten Sünder unterm Neonhimmel. Ich ging in unserem Hotel zum Friseur, offensichtlich einem Freund von Dita von Teese. Er sah aus wie ein Indianer, war passenderweise aber nur ein Fake. Wie die meisten der 2 Mio. Einwohner der Area lebt der Figaro am Rande des Lichts. Sein liebstes Vegas-Abenteuer: „Ich fahre Harley und bin ganz schnell in den Spring Mountains.“ In München sagen sie ja auch immer, es sei so toll, da zu leben, weil man schnell in Italien ist. Und von den miesesten Bars heißt es, sie hätten eine Spitzen-Aussicht. In Kern-Vegas, das wissen die Checker, geht es etwa so aufregend und frei zu wie unterm Toupet des Präsidenten. „Ein Ort, der fett macht und dumm“, befand mein Mann treffsicher. Und traurig, möchte ich hinzufügen. Die vielen in der heißen Sonne vor sich hingammelnden Obdachlosen im Arts District, die Heere der Beschäftigungslosen in den Tiffany- und Victoria’s Secret-Doubletten der Malls, die graugesichtig und einsam vor sich hin Zockenden. Selbst die Gewinner, die in Dauerschleife von den Casinowänden lächeln, sehen hier aus wie Verlierer. Das Einzige, was Vegas jetzt noch retten könnte, wäre die grandiose Zerbrechlichkeit einer Dolly Parton.

Aber warum zum Teufel sollte sie sich hier blicken lassen?

LA

Noch so eine Legende. „Monty Python Live at the Hollywood Bowl“, einer der Filme, die meinen Humor gemacht haben. Die Bühne von Lloyd Wright Jr., modernisiert von Gehry: eine griechische Schönheit. Riesig. Wir sahen Spoon und Belle & Sebastian. Das im Rahmen eines Weltmusikfestivals. Britpop = Weltmusik in den USA. Alle kamen wie zum Baseball mit Kissen und reichlich Speis und Trank. Vor der Bühne gab es einen weiß eingedeckten Bereich. Mit Sektkühlern und Tafelsilber. Das die Message, die uns im Dauerstakkato vor die Stirn gerammt wird:

Ein Update ist immer verfügbar.

Du hast 100 Dollar pro Kopf für die Universal Studio Tour hingelegt? Wenn Du das Doppelte investiert hättest, würdest Du zu denen gehören, die an der Schlange vorbeiziehen, in der Du noch 90 Minuten festgetackert sein wirst. Du hast Spitzenplätze in einer der schönsten Freilichtbühnen der Welt? Du siehst: Die im bühnennahen VIP-Bereich sehen besser. Du kannst die nächste Stufe erklimmen, wenn Du nur genug zahlst. Geiz? Ungeil.

Und doch gibt es keinen Ort der Welt, an dem es so viele Alternativen zum Wahnsinn gibt. Wir stehen lange vor Tarantinos Abdruck vor dem Chinese Theatre. Er hat sich dafür ganz offensichtlich neue Schuhe anfertigen lassen. „Fuck U“ hat er mit dem Profil seiner Sohlen in den Beton gedrückt. Ein kindsköpfiger Arschtritt, sicherlich. Aber auch der Beweis, dass er in einem Land lebt, in dem man für sowas nicht Gefahr läuft, in den Knast zu wandern.

Skater und Surfer sind immer noch spektakulär, kein Film kann das transportieren. Ansehen kann man hier nicht kaufen, das funktioniert allein über das, was man abliefert. Apropos: Die „Germans“ sind hochangesehen selbst in der linken Diaspora. Merkel? Seid froh, dass ihr sie habt. Komisches Gefühl, sich so wenig schämen zu sollen.

Amerika ist nicht tot. Es ist nur viel schneller an dem Punkt angekommen, an dem spürbar wird, dass wir dringend etwas ändern müssen. Die Demokratie scheint schwer angeschlagen, wurzellos wie die Stämme der gekappten Redwoods, die Walrücken gleich aus dem Atlantik ragen. Was die Krise freisetzten kann? Ein Blick in Kendrick Lamars Video zu „Humble“, jetzt bei den MTV Awards in Kalifornien ausgezeichnet, gibt Aufschluss. Unter anderem.

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