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Je suis Rewe 11. Juli 2017

AufmacherREWE

Einen Benz abzufackeln dauert gerade mal 20 Minuten. Und die Scheiben schmelzen im Feuer. Das konnte ich, noch die Zahnbürste im Mund, am Freitag morgen ganz genau sehen. Von unserem Balkon aus. Mir wurde ganz warm im Gesicht. Kurz zuvor waren Mitglieder des so genannten Schwarzen Blocks durch unsere Straße gewetzt, einige in Nike Sneakern, um Zeugnisse unseres verkommenen bourgeoisen Alltags in Brand zu setzen. Und so wohl gegen die Ausbeutung in Afrika zu demonstrieren. Vollidioten.

Unser Straßenabschnitt wurde zum Ziel von Vandalismustouris und Medienleuten, die Autowracks filmten. Die Nachbarin von unten gab Interviews und sah von Tag zu Tag besser aus. So wie Adrian in den Rocky-Filmen erblühte sie am Rande der Kampfzone im Scheinwerferlicht.

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Dabei ging fast unter, dass es viele Aktionen rund um G20 gab, die als überaus gelungen bezeichnet werden können. Der Alternativgipfel für globale Solidarität mit seinen vielen Workshops hätte eine eigene Berichterstattung verdient und die Kunstaktion „1000 Gestalten“ , die Gegenbilder zur Verkrustung der Welt lieferte, viel mehr Aufmerksamkeit. Der Moment, in dem die grauen, Walking Dead-mäßigen Gestalten ihre Klamotten abwarfen und sich in die Arme fielen, lieferte für mich die stärksten Gegen-Eindrücke zur marodierenden Meute.

Auf der Abschlusskundgebung am Samstag waren alle schon ziemlich groggy und forderten die Polizisten auf, doch die Helme abzusetzen, Gesicht zu zeigen und den Mut zur Verletzlichkeit. Die haben das dann tatsächlich auch gemacht. Schön auch, dass sich am Sonntag so viele ins Schanzenviertel aufmachten, um aufzuräumen und die Scherben wegzufegen. Muss ja gemacht werden. Am Montag sollte in der Effizienzhochburg Hamburg eben wieder zur Arbeit gegangen werden. Einige steckten Blumen in die Ritzen zwischen den Pflastersteinen, die wieder an Ort und Stelle eingefügt wurden, andere hängten ein Schild mit „Je suis Rewe“ an den geplünderten Lebensmittelmarkt.

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Mir macht das alles Mut. Wir leben in einer Demokratie, da gibt es Zoff. Damit kommen wir klar, ruhen uns ein bisschen aus und dann wird geredet. Deutschland ist eben nicht Thailand, wo man für eine Majestätsbeleidigung auf Facebook schon mal 37 Jahre in den Knast gesteckt wird. Oder die Türkei, wo Deniz Yücel für gar nichts schon über 100 Tage in Isolationshaft sitzt. Wir können uns frei äußern und unser Leben mehr oder weniger so gestalten, wie es uns vorschwebt. Klar wird durch Veranstaltungen wie den G20, dass das nicht – wie so lange gedacht – eine selbstverständliche Entwicklung nach vorn ist. Oft zu langsam, aber immerhin. Zukünftig müssen wir klarer für unsere Ziele einstehen. Sonst bekommen die Oberwasser, die ganz andere haben.

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