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Japan: elevate your spirit! 10. Dezember 2015

Japan_Aufmacher

Einer der tollsten Orte Tokios ist der Plattenladen Disk Union. Acht Stockwerke gebrauchte CDs und Vinyl. Im Fahrstuhl werden die Etagen als Genres angezeigt: 3ter Stock Black Metal, 4ter 80’s Hardcore, 5ter 70’s Punk/Powerpop, Aussteigen. Spielend kann man einen Tag in diesem Fahrstuhl zubringen und sich an Otakus erfreuen, die genregerecht durchdekliniert in ihrem Stockwerk aus- und einsteigen. Sie machen die Leuchtanzeige obsolet, die signalisiert, in welcher Epoche man gerade hängt.

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Disk Union-Durchdringungskarte Tokio: Ich war im Shibuya Used & im Rare Groove Store

Plattenläden unterscheiden sich grundsätzlich von allen anderen Läden. Während man in normalen Geschäften nach einiger Zeit des Guckens und Schlenderns das Gefühl hat, mal was kaufen oder rausgehen zu müssen, wächst das Prestige des Kunden im Diskshop mit jeder Minute seines Aufenthaltes. Wer sich lange im Plattenladen gezielt treiben lassen kann, ohne vor der Vielfalt zu kapitulieren, wird vom Fachpersonal als Komplize erkannt. Es gibt keine vorsortierenden Algorithmen, die Dich im Echoraum gefangen halten. Es gibt Cover, Schuber und jede Menge Zitate, die Du selbst crossverlinken musst mit Deinem Wissen, um neue Schätze zu bergen.

Japan ist ein Land, das es zur Meisterschaft darin gebracht hat, Dingen den Rahmen zu geben, in dem sie wirklich wirken. Wenn ein Blatt im Jojogi Park vom Baum fällt, kann es gar nicht anders, als perfekt arrangiert zu landen. Dafür hat der Gartenarchitekt gesorgt. Wer bei Disk Union einen Schatz entdeckt, hat das Gefühl, es sei das erste Mal. „Art can elevate our spirit“, hörte ich gestern Marina Abramovic aus dem Autoradio sagen. Sie wurde von Deutschlandradiokultur zu ihrer neuesten Performance befragt, in der es wohl um die Goldberg Variationen von Bach geht. Mit gefällt das Zitat gut, weil es einen zentralen Verlust markiert, der uns in Japan so bewusst wurde: Wir nehmen uns immer weniger Zeit, um unseren Geist mit Kunst fliegen zu lassen. Das geht nämlich nicht klickngo, dafür muss der Rahmen stimmen.

In Japan weiß man das.

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Auf den Inseln Naoshima und Teshima wurden die schönsten Museen der Welt um einzelne Kunstwerke gebaut. Man fährt mit dem E-Bike über die Inseln von einem Art Project zum nächsten, hält an weiten leeren Stränden (Japaner baden nach August nicht mehr im Meer, ganz gleich, wie warm es ist) oder am verlassenen Amore Resort, das Rainald Goetz sehr gefallen würde. In den Museen trifft man dann sich selbst. Noch nie habe ich mich so sehr auf der Erde gefühlt wie im Teshima Art Project von Rei Naito und Ryue Nishizawa. Naito macht keine Kompromisse. Ihre Installation „Being Given“ in einem traditonellen japanischen Wohnhaus, das zum Kunstwerk umgewandelt wurde, darf man nur allein anschauen. Im Dunkeln. Man hat sich anzumelden, in einem eng getakteten Slot einzufinden und zu warten.

Denn das Warten, so die Künstlerin, ist Teil des Werkes.

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Christian Boltanski hat an einem der Strände ein Herzschlag-Archiv (Abb. links oben) eingerichtet und Tadao Ando im Chichu Art Museum (Abb. rechts oben) Monets Seerosen eine räumliche Struktur gegeben, die die Bilder schweben lässt. Das alles ist sehr artifiziell aber auch sinnlich und – heiter. Der Umgang mit dem vielen Weltkulturerbe überall hat zum Beispiel etwas sehr lässiges. Für die lustigste Kulturerbestätte Japans, das Tsubo-yu Onsen in einer winzigen Badehütte auf einer Flussinsel mitten in Yunomine, muss man am örtlichen Ticketautomaten eine Karte ziehen. In der Hütte klettert man über die Steine des sprudelnden Baches, fläzt sich in die heiße Schwefelquelle, zieht eine Holzluke hoch, wenn es zu heiß wird und erwartet ergeben Nosferatu im Schwefeldampf, selbstverständlich in der Gestalt von Klaus Kinski.

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Die Perfektion Kyotos ist gut auszuhalten, weil man mit dem Shinkansen in 15 Minuten im düsteren Osaka ist und sich dort tief fallen lassen kann. Ich habe Probleme mit Orten, von denen man vorher schon weiß, dass man sie schön finden muss. Habe dann immer das Gefühl, ich hätte keine Chance. Privatspleen, denn Kyoto ist unschlagbar schön. Allein die Busfahrer. Sie tragen alle weiße Handschuhe, sagen alle in Tom Waits-Singsang die Stationen an, danken jedem Fahrgast beim Ausstieg fürs Mitfahren und wünschen einen guten Tag. Wieder richtig, der Rahmen. Ich selbst halte den auch viel zu selten aufrecht. Dass ich mir ab und zu wirklich Zeit für Musik und Kunst nehme, verdanke ich im wesentlichen meiner Freundin Anja, die mich mitnimmt zu so Sachen wie zuletzt „Söhne & Söhne“, einer achtstündigen Konfrontation, inszeniert von Signa. Allein auf meine Kleidung achte ich stets in angemessener Weise. In Japan gerät vieles zum Ritus, so werden normale Orte Tempel. Sogar Fahrstühle.

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Ach so: Das neu entdeckte japanische Lieblingslabel heißt Kapital. Im wesentlichen werden für den heimischen Markt sehr gut anzufassende Schwertkampf-im-Kloster-Klamotten produziert. Es gibt nur zwei Größen: klein und kleiner. Praktisch for me.

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