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Im Clinch mit Matthew Barney 3. Juli 2014

Matthew Barney

Matthew Barney und Jonathan Bepler, River of Fundament, 2014, Filmstill, Foto Hugo Glendinning © Matthew Barney, Courtesy Gladstone Gallery, New York und Brüssel

Matthew Barney muss ein ganz schöner Stresser sein. Es überrascht mich überhaupt nicht, dass es einen Kraftraum in seinem Atelier gibt, in dem er regelmäßig mit Gewichten hantiert. So macht der sich fit für seine Großtaten. Wenn er ein Kunstprojekt anpackt, geht’s in jeder Hinsicht ums Maximale: Sieben Jahre hat Barney an River of Fundament gebastelt und – klaro – in dieser Zeit auch maximal wenig geschlafen, tausend Leute involviert, eine sechsstündige Filmoper gedreht und die größte Gusseisenskulptur der Welt in ein Museum gehievt. Gigantisch und irrwitzig ist das alles, aber wer den ersten der elf Aussttellungsräume im Münchner Haus der Kunst betritt, checkt sofort: Es ist vor allem atemberaubend schön.

Matthew Barney

The Artist himself: Matthew Barney wurde 1967 in San Francisco geboren und lebt und arbeitet in New York. Er hat an großen Ausstellungen wie der documenta IX (1992) in Kassel, den Whitney Biennalen von 1993 und 1995 in New York sowie den Biennalen von Venedig 1993 und 2003 teilgenommen. Und er erinnert auf diesem Bild schwer an Henry Rollins. Foto: Maximilian Geuter/Haus der Kunst

Dabei basiert das Ganze auf einem vergessenen Roman von Norman Mailer (Ancient Evenings, 1983), der so vor um und zu 3.000 Jahren in Ägypten spielt. Zepter, Ibis und Skarabäus sind zu sehen und erinnern an Zeiten, in denen Teestuben „Tagtraum“ hießen, Kannen aus rotem Ton waren und Basthenkel hatten. Es geht denn auch um Seelenwanderung, allerdings jenseits aller Räucherstäbchenhaftigkeit, dazu ist Barney zu sehr Kraftwerk.

Detail der Skulptur DJED von Matthew Barney

Detail der Skulptur DJED von Matthew Barney. In Gold: das altägyptische WAS-Zepter, das mich immer an ein Gaspedal erinnert. Nicht unpassend, denn schließlich musste für die Skulptur der Chrysler Imperial dran glauben. Foto: Maximilian Geuter/Haus der Kunst

Sein Kniff, um der Mythologie die Härte des Asphalts zu geben: Barney ersetzt Reinkarnation durch Recycling und die Seele des Menschen durch drei Autolegenden: einen 1967 Chrysler Crown Imperial, einen 1979 Pontiac Firebird Trans Am und einen 2001 Ford Crown Victoria-Polizeistreifenwagen. Zunächst einmal eine recht abgefahrene Idee. Aber mein Vater pflegt Automobile stets als „ein Stück persönliche Freiheit“ zu bezeichnen. Und was ist die Seele anderes? Alle drei Wagen wurden über die Jahre in jeweils einer Performance geschrottet und in Skulpturen verwandelt. Die Dokumentation der Performances ist Bestandteil der Filmoper und neben den drei transformierten Autoleichen sind zwölf weitere Objekte des Films in München zu sehen.

Matthew Barney Storyboard River of Fundament

Ganz am Ende der Ausstellung finden sich acht Vitrinen mit Barneys Storyboards für „River of Fundament“. Hier ein Detail.

Barney transportiert mit ihnen, so das Programmheft, „Mailers Allegorie von Tod und Wiedergeburt in den Kontext der zeitgenössischen Industrielandschaft der USA“. Was hier etwas gestelzt klingt, holt Barney mit viel Eisen, Bronze, Blei, Kupfer, Messing, Zink, Silber, Schwefel und Salz auf den Boden. Er macht den Raum zu einem Körper, der die Besucher umschlingt.

Matthew Barney DRAWING RESTRAINT, River of Fundament

Doch das ist noch nicht alles. „Ich liebe Rituale, die einem festgelegten Ablauf folgen. Und ich mag es, wenn das Ritual von Menschen unter physischer Anstrengung vollzogen wird. Nur so entsteht ein Drama im antiken Sinne“, erzählt Barney in einem sehr guten Interview Tobias Haberl von der Süddeutschen. Ein solches Drama hat der Künstler auch in München aufgeführt. Spuren desselben ziehen sich wie schwarze Schlieren an den Wänden des zweiten Ausstellungsraumes entlang. Die Streifen wirken seltsam unmotiviert neben den hochartifiziellen Skulpturen, deren Platzierung von Barney in München generalstabsmäßig durchkomponiert wurde. Sie sind Spuren der Live-Performance DRAWING RESTRAINT, also etwa „Zeichnung unter Einschränkungen“. Dafür holte sich Barney Hilfe beim Frauenteam der „Munich Cowboys“, einem American Football Verein. Er bat die Sportlerinnen, mit ihm die Graphitskulptur PORTCULLIS BLOCK an den Wänden entlangzuziehen und so eine eingeschränkte Zeichnung zu erstellen.

Matthew Barney, Boat of Ra, River of Fundament

Mein Lieblingsobjekt ist nicht die viel beschriebene Mammutskulptur DJED, sondern BOAT OF RA (oben). Es zeigt den auf den Kopf gestellten Dachboden Norman Mailers, der nun wie ein im Trockendock befindliches Schiffsskelett aussieht. Befeuert werden die maritimen Assoziationen noch durch die Sandstrahl-Bearbeitung des Holzes, das nun wie Treibgut aussieht. Man will das Zeug sofort anfassen und streicheln. Das Skelett beherbergt das aus einer Sandform gegossene Arbeitszimmer Mailers.  Das Herzstück: sein in Bronze gegossener Schreibtisch. Auf dem wurde eine goldene Zwangsjacke platziert. Die steht für Mailers zwanghafte Großschriftsteller-Ambitionen aber auch als Remineszenz an den Künstler James Lee Byars, den „Magier der Stille“, der gern auch in goldenem Anzug performte. Es ist das Andere, das uns magisch anzieht: Byars Kunst ist, verglichen mit der Barneys, ein Flüstern. Sein Ansatz: äußerste Reduktion.

Das alles muss man allerdings vor Ort gesehen haben. „River of Fundament“ ist keine Ausstellung, die sich über Bild und Text wirklich vermitteln lässt. Man muss sie erleben und, wie Barney im Interview mit der Süddeutschen konstatiert, „Zeit, Energie und Disziplin investieren, um etwas davon zu haben”. Ein Investment, das mein persönliches Inspirations-Konto bis zum Rand gefüllt hat.

Besucher von Matthew Barneys Ausstellung River of Fundament

Gelegenheit für den Ausstellungsbesuch in München gibt es noch bis zum 17. August 2014. Danach muss man ziemlich weit reisen: „River of Fundament“ wandert im Herbst nach Tasmanien.

Als Rausschmeißer noch meine Lieblingsstellen aus dem Interview:

Sind Sie besessen?
Sicher.

Leiden Sie darunter?
Ich glaube nicht.

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