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HSV, keine Bedingungen 1. Juni 2015

Letztes Jahr gab’s wenigstens noch Häme. Zurzeit gibt es kaum eine Sache, die abgehangener ist, als Fan des HSV zu sein. „Und wieder nervt der HSV“ schlagzeilte kürzlich, nun ja, die Zeit. Mit Bedingungslosigkeit hat man es dort wie in allen Effizienzsystemen nicht so. Leistung muss propagiert werden, sonst hören die Leute noch auf daran zu glauben, dass sie sich lohnt. Es gibt in Marktlogik keinen subversiveren Akt, als auf einen Loser zu setzen. Und bereit zu sein, den zur Not auch bis ans Ende der Tage mit durchzuziehen. Die am Drücker nähern sich den Dingen vorzugsweise mit Stiftung Warentest-Mentalität und spitzfingrigem Rezensionsgebaren. Damit kommt man Fußball aber nicht bei. Am Fansein rutscht der Rotstift ab.

Leidenschaft ist nicht lektorierbar.

Sicher, es ist sehr viel leichter, Follower beispielsweise des BVB zu sein und seit ich kürzlich einen Vortrag in der die Dortmunder Borussen betreuenden Agentur KNSK hörte, weiß ich noch genauer, warum. Jeder BVB-Fan weiß, wofür sein Club steht. Und wenn er es mal vergisst, wird ihm ein wenig zweideutiges „Echte Liebe“ ins Herz gerammt: agenturseitig generalstabsmäßig durchgetaktetes Brandbuilding. Für Fußball-Folkloristen genau das richtige, aber so gar kein USP, schließlich gibt es keinen Fan, der seinem Club „Unechte Liebe“ entgegenbringen würde. Um zu belegen, dass im Signal Iduna Park die Liebe ein wenig echter ist als andernorts, wird dann die Masse bemüht: Platz für über 80.000 Zuschauer, die Brandung des Jubels gewaltig, das gibt’s sonst nirgendwo in Deutschland. Als ob man in Herzensdingen mit Quantität argumentieren, mit Markenbildung und überhaupt mit Quote weiterkommen könnte. Und dass man Fans mit Geld einsacken kann, glauben doch nur die Roten Bullen in Salzburg. Echte Liebe gibt’s nicht für Maloche oder Geld. Die bekommt man nur geschenkt.

Mir ist es völlig gleich, dass der HSV zurzeit als schwache Marke gilt. Blöd ist einfach, dass sie so wenig charismatisch und erfolglos spielen. Und die Charakterfrage ist eine, die ich ganz allein mit dem HSV zu verhandeln habe. Denn entscheidend ist: Wofür steht der Verein für mich? In der Regel eine Sache, die in der Phase der Jugendliebe geklärt und dann nie wieder hinterfragt wird. Das Volksparkstadion war das erste, das ich besuchte. Hier holte ich mir Schreiknoten auf den Stimmbändern, führte meinen ermatteten Vater nach den Spielen an der Hand nach Hause, wurde ohnmächtig und nass. Auf dem kleinen Fleck in der Westkurve, auf dem ich immer stand, wurde ich gebraucht. Hier donnerte das erste Mal die Wucht der Wahrhaftigkeit durch mich durch, direktes Siegen und Verlieren, glücklich und traurig sein ohne jedes Kalkül. Brutto gleich netto. Und das völlig unabhängig davon, welche Dödel gerade die Geschicke des Vereins bestimmten. Denn ein Club ist kein Mensch, der ständig allerlei erfüllen muss, um von mir geliebt zu werden. Er muss einfach nur da sein, den Rest erledige ich. Wie bei einem Haustier. Es stirbt, wenn ich es nicht füttere. Wenn wir Fans nicht gucken und fiebern gehen, hört der HSV auf zu existieren. Und weil ich ihn schon so lange am Leben halte, ist er ein Ort in mir geworden, zu dem kein anderer Zutritt hat.

Von Aufsteiger Darmstadt werden viele schöne Geschichten erzählt, die eine neue Schwärmerei attraktiv erscheinen lassen. Fast so, als hätten Marketingprofis, die den Archetyp des Underdogs in der ersten Liga mal wieder neu besetzen wollen, sie sich ausgedacht. Wie unendlich schal wäre es, wenn das so wäre. Und wie bestürzend, wenn ich Fan eines Vereins werde, weil er besser als der HSV in meine Ich-Modelierung passt. Mein Verhältnis zu einem anderen Verein kann nie von mehr als Sympathie geprägt sein. Auch wenn ich schon lange nicht mehr im Stadion war, trage ich doch den HSV in mir herum. Wohl spürbar: Mein Sohn war Fan, lange bevor wir anfingen miteinander über Fußball zu sprechen.

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