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Beides für Roger Willemsen 9. Februar 2016

Roger Willemsen lernte ich 2012 auf der Gala zum Best of Corporate Publishing Award kennen. Er sollte dort als Keynote Speaker zwischen Dinner und Verleihung auftreten. Ich freute mich über diese Wahl. Auch wenn ich ihn insgesamt für „zu Eppendorf“ hielt, hatte mir seine oft belustigte Haltung zu den Dingen stets gefallen. Exzentrik war in seinen Augen offensichtlich kein Vergehen und er schien neben seinem Job als deutscher Vorzeige-Intellektueller ein leicht gniedeliges Jungs-Besserwissertum zu pflegen, für das ich ebenfalls etwas übrig habe. Eben einer, der immer mitreden und Recht haben will. Vortrefflich für einen Abend unter gehäuft Andersdenkenden.

Schon am Eingang kamen wir ins Gespräch. Ich trug ein Deutschland-Trikot. Es war EM, am nächsten Tag sollte Deutschland gegen Italien spielen und deshalb hielt ich es für angemessen, den Dresscode des Abends – Black Tie und Abendkleid – zu aktualisieren. Roger Willemsen war keiner, dem man das lange erklären musste.

Ich fragte ihn, wie er seine Bibliothek geordnet habe: nach Farben, Inbesitznahme, Epochen oder gar alphabetisch? Er war mäßig amüsiert ob dieses deutschlehrerhaften Angangs und fragte etwas pikiert zurück, wie ich selbst das denn so handhabe. Mein Mann und ich sind ja so ein Science-Fiction-Ehepaar: Er Wissenschaftler, ich Flattermann. Mit den Büchern, die wir über die Jahre durch unsere Körperscanner gezogen haben, ließe sich eine Extra-Wohnung vollmachen. Ich gebe zudem alles Gelesene gern schnell wieder in die Umlaufbahn, insbesondere wenn es mir gefallen hat. Ich will dann mit meinen Freunden darüber reden und zwar pronto. Deshalb lagern wir gar nicht so viele Bücher und wenn, dann auf diesen Regalen, die man nicht sieht und Bücher so an der Wand halten, als würden sie dort schweben.

Aha, Bücher als Raumschiffe, das schien mein Gegenüber zu verstehen.

Er freute sich sehr, als ich ihn auf das „Wahrheit oder Pflicht“-Video ansprach, in dem er mit Ferris MC, Kim Fischer, Mieze und Charlotte Roche beim Flaschendrehen zu sehen ist. Das hatte mir sehr gefallen, u.a. weil ich das Spiel selbst außerordentlich mag und es so aussieht, als wären alle in diesem Video ab einem bestimmten Punkt fast nur noch damit beschäftigt gewesen, sich jetzt aber mal locker zu machen.

Irgendwann hatten wir den Eindruck, dass wir uns mal umarmen müssen und er bückte sich und schob so gabelstaplermäßig seine Arme vor und unter meine und hob mich hoch. Das fand ich eine ziemlich gelungene Art mir zu zeigen, dass er mich für ein Schwergewicht hielt. Zum Abschied fragte er mich: „Wahrheit oder Pflicht?“ Ich antwortete – selbstverständlich –

„Beides.“

Wie traurig, dass er gestern so früh gestorben ist. Wusste er doch so gut zu zeigen, dass altern nicht nur ein Verbrauch von Leben ist sondern jeden Tag auch ein sich aufladen damit. Wie angeschlossen an ein Dynamo, der einen unter Strom setzt. Mit dem leuchten Leute wie Willemsen ihr Repertoire immer weiter aus und entzünden dann andere. Bis es „klick“ macht und der Schalter umgelegt wird. Licht aus.

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