CP-BLOG

Drei für die Frau 24. März 2017

AufmacherDAME

Da ich selten S-Bahn fahre, benehme ich mich dabei immer so, als handele es sich um eine Zugfahrt. Ich kaufe ein Ticket am Automaten und dann decke ich mich im Bahnhofskiosk erst einmal ordentlich mit Zeitschriften ein. Heute endeckte ich dort gleich drei neue Magazine für die anspruchsvolle Frau: „Libertine“, ein 128-Seiter, der „Feministisch. Authentisch. Frei.“ sein möchte, „die dame“, Neuauflage eines 1912 gegründeten „Journal für den verwöhnten Geschmack“ und „F Mag“, in dem es um „Politik, Sex & Lametta“ gehen soll.

Libertine hat einen sehr dicken Pappumschlag und ist auf Volumenpapier gedruckt, die High Heel-Variante unter den Papieren. Es lässt eine Zeitschrift umfangreicher und damit plausibler erscheinen, dass die Leserin 6 Euro für die 128 Seiten hinblättern muss. Okay, Libertine hat so gut wie keine Anzeigen und die herausgebende Chefredakteurin Juliane Rump würde wohl sagen, das Papier sei einfach „haptisch schön“ und seine Glanzlosigkeit passe eben wunderbar zum authentischen Anspruch des Blattes. Libertine, so seine Chefin, transportiere das Lebensgefühl „Freiheit“, verabschiede sich von Schubladen und will Frauen füreinander begeistern. „The Future is female“ steht auf dem Cover. Keinesfalls, so wird betont, wolle man dabei den Frauen etwas vorschreiben.

Und das ist jetzt ein bisschen so wie mit dem Papier.

LibertineMagazin

Ein bisserl Enorm, ein Quentchen Emotion: Libertine liebt Frauen. Voll korrekt!

Denn seltsam viele Texte beginnen nicht mit den kleinen Dingen, sondern mit dem großen Ganzen. Die einleitenden Sätze sind wie Bedienungsanleitungen verfasst – wohl unfreiwillig, aber das macht es ja nicht besser. So erfahren wir schon im Vorspann zu einem Schweigeseminar-Selbstversuch, dass alles ganz schön schwer war für die Autorin. Sie blieb jedoch sitzen und siehe da: Es stellten sich Liebe und Frieden ein.

Das Titelthema „Zukunft gestalten“ wird so eingeleitet: „Brexit, Trump, der Rechtsruck in Europa und das Erstarken der AfD hierzulande: Ernstzunehmende Warnhinweise, dass das politische Geschehen in die falsche Richtung steuert, gibt es zur Genüge. Höchste Zeit, aufzustehen, auf die Straße zu gehen – und bestenfalls die Parteien aufzumischen.“ Noch Fragen? Fast schon wieder süß, dass das Portrait der Baumbeauftragten von Greenpeace, Gesche Jürgens, damit beginnt, dass die Autorin erst einmal über die Abschlussarbeit ihres Geographiestudiums nachdenkt und den Bogen dann auch nicht mehr kriegt. Gestaltung und Sprache sind hölzern, Frauen sind „mit einer großen Portion Neugierde“ ausgestattet, eine Berlinerin ist „waschecht“, die Kunsthistorikerin hat „ein Faible für ästhetische Bilder und weibliche Formen“ und ihr Blick ist „geradezu“ philosophisch. Nach fünf Seiten Lektüre hat man das Gefühl, einem allzu umfassend ausgelebtem Recycling aufzusitzen: abgehangene Formulierungen müssen doch nicht wiederverwertet werden. Bitter aber wahr: Die Hälfte der Worte kann auf den Müll.

In Sponti-Manier kommt das F Mag daher, unschwer als Gruners Antwort auf das Missy Magazine zu erkennen. „Das junge Frauenmagazin von Brigitte“ für nur € 2,50 wird von sechs „F Maggies“ gemacht, die im Editorial klarstellen, nichts von Tabus zu halten. Sie diskutieren und masturbieren gern und geben auch sonst den Club knallhart selbstbewusster Pippi Langstrumpfs. Ihre Brigitte lesenden Mütter haben sie ganz offensichtlich zu frechen Gören erzogen, die ihr Magazin mit einem Affen auf der Schulter machen. Der hat auch die Sticker illustriert, die „Ich mag meine Muschi“ oder „Nachos statt Machos“ sagen. Die Maggies beschmeißen die Libertines mit Lametta und schreien: Heul nicht, mach doch! In der Modestrecke ist lächeln verboten, der Kalorienverbrauch einer Geburt wird mit dem eines Marathons verglichen, gähn. Hübsch allerdings die Seite „Style und das Geld“, auf der Rap-Attitudes zu erfolgreichen Business-Strategien umgemünzt werden. Ach, warum nicht eine „Barbara“ auch für Girls machen?

FMagMagazin

Ich mach’ mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt: das sticke F Mag

die Dame ist feinstes, wechselndes Papier. Die 300 Seiten kosten 15 Euro und man hat sich durch 24 Anzeigenseiten zu blättern, bevor es überhaupt mal losgeht. Klares Anzeichen für ein Luxusmagazin. Unter Federführung von Medienagentur-Chef und Kunstsammler Christian Boros wurde die Illustrierte für den Springer Verlag entwickelt und in der Qualitätslogik des Springer-Blattes „Welt“ auch das Autorenteam zusammengestellt: Ronja von Rönne, Maxim Biller, Adriano Sack et al. Es ist alles schön anzuschauen und possierlich zu lesen aber: Ich habe kein einziges Mal gelacht, nie die Stirn gerunzelt, keinen Text wirklich zuende lesen wollen. Es sind einfach keine Geschichtenerzähler am Werk, und leider beschreiben zwei Sätze aus Adriano Sacks Text über Androgynie den Mangel des Projektes perfekt: „Aber es sind nun mal nicht die Satten und Selbstgewissen, die Fortschritt und Schönheit produzieren. Sondern die Irrenden und Suchenden.“ Und die haben sich ganz offensichtlich nicht in „die dame“ verirrt.

Am erfreulichsten ist der Goldstreifen unter dem Barcode auf dem Magazinrücken.

DieDameMagazin

Herzlich Willkommen in den 1920-ern:  die dame, „superanaloge Publikation“ in der digitalen Gegenwart. Ja, ja.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

  • (wird nicht veröffentlicht)

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>


drei × = 6