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Der Teufel trägt Provo 13. Januar 2017

„Tja, mit dieser Art der First-Lady-Coolness hat es sich jetzt erst einmal“, dachte ich, als ich die Folge Carpool Karaoke guckte, in der Michelle Obama in den Landrover von James Corden steigt. Corden ist britischer Schauspieler und Komiker und hostet – für die, die nicht zu seinen regelmäßigen 38* Millionen YouTube-Zuschauern gehören – die Late Late Show mit dem Format Carpool Karaoke. Idee: Er lädt Stars in sein Auto ein, fährt durch die Gegend, plaudert und tut das mit ihnen, was alle vernünftigen Menschen im Auto tun (wenn sie nicht gerade andere Verkehrsteilnehmer anpöbeln): singen. Die Folge wurde auch von Susan Vahabzadeh geguckt, die ähnliche Gedanken hatte wie ich und diese in der Süddeutschen niederschrieb.

MichelleMichelle Obama wurde dort auf einer Seite als Role Model der engagierten, unkorrumpierbaren Frau beschrieben, die es nicht nötig hat, an einem Job zu kleben, um Standing in der Welt aufzubauen. Ein Ausbund an Soul und Natürlichkeit noch dazu und damit einfach mal so ein selbstverständlicher Gegenentwurf zu ihrer Nachfolgerin Melania Trump. Passte alles und war flüssig in einem Rutsch runtergeschrieben.

Es gibt da nur ein Problem.

Jeder, der Augen im Kopf hat, sieht, dass Michelle Obamas Züge auf Cordons Beifahrersitz wie festgetackert an den Schläfen aussehen, ihre Stirn so gespannt wie ein Segel bei Windstärke acht. Da regt sich nichts und Natürlichkeit geht nun mal anders. Warum hat die Autorin das nicht erwähnt? Dass sie die Gesichtsstarre nicht bemerkt hat, ist unvorstellbar. Es liegt nahe, dass Frau Vahabzadeh ihre Idee von Michelle Obama fertig im Kopf hatte, bevor sie mit der Recherche begann.

Abweichende Entdeckungen unerwünscht.

Dieses journalistische Vorgehen prägt auch all die Geschichten über frustrierte, weiße, mittelalte Männer, die irgendwo im us-amerikanischen Niemansland in Vergessenheit geraten sind. All diese Storys sollten ihn uns näherbringen, den typischen Trump-Wähler. Lesen konnten wir jedoch nur das, was weiße Mittelstandsautoren sich unter diesem Typ Mensch schon vor ihrer Reise vorgestellt haben. Diese „Beobachtungen“ hätte ich kalt, ohne Flugmeilen und mit geschlossenen Augen runterschreiben können. Erkenntnisgewinn: null. Wer Amerika wirklich verstehen will, sollte in genau die andere Richtung reisen. Dorthin, wo der Traum gelebt und damit am Laufen gehalten wird. Dorthin, wo alle hinwollen. In die Hamptons zum Beispiel. Ich war jüngst dort und habe sehr, sehr viel gelernt.

Was?

Nun, erst einmal ist es verblüffend, dass Menschen, die ganz offensichtlich oben angekommen sind, sich weiterhin und wahrscheinlich bis an den Sargrand abrackern, um das zu schaffen, was Menschen nicht vergönnt ist: jünger werden. Wir besuchten in den Hamptons eines der in New York sehr angesagten Exhale Fitness Studios, um eine Barre-Klasse zu absolvieren. Barre ist ein Workout, das Übungen und eben den Barren aus dem Ballett nutzt. Es ist extrem hart und weil es so hart ist, auch noch nicht in Europa angekommen. „Don’t try what I do“, warnte uns eine Endsechzigerin lächelnd, als wir sie bei ihren finalen Streckübungen beobachteten. Elastizität ist sicher ein Attribut der Jugend, wirkt jedoch an einem ausgemergelten Körper unter einem gestrafften Frettchengesicht bizarr. Fest steht, dass Amerikas Werber die Menschen fester im Griff haben als bei uns. Im Sekundentakt wird den Leuten gezeigt, was genau sie zu haben und wie genau sie auszusehen haben, um hot zu sein. Problem: Die meisten dieser Dinge sind für immer mehr Menschen unerschwinglich. Und weil auch die Bildung den Bach runter geht, kommt niemand auf die Idee, dass man den ganzen Schrott ja gar nicht braucht zum Glück. Höchstens zum kompensieren des Mangels, den sie einem den ganzen Tag einhämmern. Trump steht genau auf den Proll-Klimbim, den sich seine Wähler original genau so ins Wohnzimmer stellen und ins Bett legen würden. Alles Requisiten einer Protz-Show, mit der sich ein reich Geborener in der Golfklasse der USA als lautsprecherischer Underdog breit machen kann.

Aber auch er zahlt den Preis.

Lächerlich, wie er sich die gelb verfärbten Haare über die Stirn legt, um Jungsein vorzutäuschen. Selbstbewusstsein geht anders. Meryl Streep hat es und auch deshalb kann Trump die Frau nicht ab: Der Teufel trägt Provo. Sie hat ihn bei den Globes im Klartext-Modus gedemütigt – eigentlich seine Strategie, Feinde aus dem Weg zu räumen. Sie hat es freilich flüsternd und durch und durch elegant getan – mit echter First Lady Coolness.

Meryl

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