CP-BLOG

Besuch aus New York 18. November 2014

C&A Lingerie

Habe überraschend Besuch aus New York bekommen. Mit ihm kam der Blick der neuen auf die alte Welt und ein Erstaunen, über das ich erst einmal nachdenken muss. Am Ende des ersten Tages, den wir an meinen Lieblingsorten vorbeiwandernd verbrachten, stellte er mir die Frage, die ihn am meisten bedrückte: „Sag mal, Claudia, warum sehen die Männer und Frauen hier eigentlich aus wie im Krieg?“ Als ich ausholen, erklären und entkräften wollte, merkte ich, wie mir nach zwei Sekunden schon die Luft ausging, denn, menno,

er hat ja Recht.

Dabei ist die Sehnsucht nach Saftigkeit, Blume im Haar und knallroten Strümpfen groß in der Stadt des Understatements und der gewendeten Hemdkragen. Nur: Man gerät eben schnell in den Verdacht, ein Materialismusfeti zu sein, nur weil man schöne Dinge schätzt und trägt. Schlimmer noch, es irgendwie nötig zu haben, eine Schau aus sich zu machen. Aufmerksamkeitserregung als Indiz des Mangels, rüffelt Preußen aus dem Übergangsmantel.

Die Zeiten, in denen ich im Bemühen über die Stränge schlug, mich dem Diktat der engherzigen Presslippler zu entziehen, sind gottlob vorbei. Heute freue ich mich einfach, wenn ich einen Irren an der Ampel treffe, der mich fragt, wie ich geschlafen habe. Leichtfüßige Komplizen also, von denen es genug gibt. Froh machen mich schöne Dinge wie gerade – ahausgerechnet – die Lingerie-Reklame von C&A. Hab sofort gute Laune und Lail Arad im Ohr, wenn ich an den Plakaten mit dem Dessous-Mädel in der Küchensituation vorbeidüse. Ihr Freund ruft ihr vom Bett aus zu, dass auch er Bock auf einen Latte hat und sie hofft, dass er ihr nicht wieder aus Diederichsens Pop-Schinken vorlesen wird, weil sie dann garantiert wieder einschläft. Und dann nicht rechtzeitig zum Fahrradpolo kommt. Muschelplättchenkettenglück, für das man nicht einmal die C&A-Balconette für Euro neun oder den Hipster für schlappe fünf Mäuse braucht, die mit den Bildern beworben werden. Ein lockeres Glück, nach dem sich die Bauherren der hanseatischen Effizienzhochburg in ihrer Jugend gesehnt haben und das mein Besucher aus der neuen Welt ganz einfach lebt. Ja, es ist wichtig, was man tut. Aber vor allem auch: mit wem. Profan? Sicherlich.

Aber manchmal ist es eben genau das, was den Rochen im Brustkorb sanft flappen lässt.

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